Sonderpädagogische Wissenschaft und Praxis quo vadis?
Fachgespräch mit Wissenschaftlern und vds-Vertretern

Am 8. März fand ein ganztägiges Fachgespräch zum Thema „Sonderpädagogische Wissenschaft und Praxis quo vadis?“ im Anthroposophischen Zentrum in Kassel-Wilhelmshöhe statt.

Der Verband Sonderpädagogik hatte mehr als zwanzig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der ganzen Republik eingeladen, um mit ihnen angesichts der erheblichen Herausforderungen und Veränderungen sowie aktueller Kontroversen im Bereich der Sonderpädagogik Positionen und Visionen auszutauschen und zu erörtern. Auf Seiten des Verbands nahmen Mitglieder des Bundesvorstands und der Arbeitsgruppe „Zukunftskommission“ teil, die nach dem Auftrag des Bundesausschusses Vorschläge für die Zukunftsorientierung des vds erarbeiten und zur Diskussion in den Bundesausschuss einbringen soll.

Die Bundesvorsitzende Dr. Angela Ehlers betonte bei der Eröffnung der Tagung, dass der Austausch darauf gerichtet sein sollte, bei allen denkbaren Unterschieden in den Grundannahmen, Zielsetzungen und Vorgehensweisen, sonderpädagogische Wissenschaft und Praxis zu stärken und weiterzuentwickeln, um ihre Wirkung in den verschiedenen gesellschaftlichen Handlungsfeldern angesichts der Umsetzung der Inklusion zu entfalten.

Für die Diskussion waren zwei große Themenkreise vorgeschlagen. Der erste inhaltliche Block bezog sich auf die Ausrichtung und Konzepte wissenschaftlicher Forschung sowie die Dissemination von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Angeregt wurden Aspekte wie die Pluralität von Forschungsansätzen und forschungsmethodischen Ausrichtungen im Spannungsfeld von Auseinandersetzung und Vereinheitlichung, Empirie und Evidenzbasierung versus das Pädagogische in der Sonderpädagogik und die Vielfalt der philosophischethischen Fragestellungen (sonder-)pädagogischen Handelns.

Betont wurde insbesondere die Pluralität von Forschungsansätzen – es geht nicht um ein Entweder-oder sondern um ein Sowohl-als-auch. Deutlich wurde aus dem schulischen Bereich für die Notwendigkeit der praxisorientierten Forschung und für eine stärkere Verbindung von Wissenschaft und Praxis plädiert. Seitens der Wissenschaft wurde dementsprechend für konzeptbezogene Forschung geworben. Deutlich wurden aber die zunehmend prekären Forschungsbedingungen herausgestellt.

Bezüglich der Weitergabe und Verbreitung von Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschung kreisten die Fragen um Veröffentlichungsformen und -möglichkeiten, Fort- und Weiterbildungskonzepte, webbasiertes Arbeiten und open access und insbesondere die Verantwortung für Veröffentlichungen.
Der zweite inhaltliche Bereich der Diskussion nahm die institutionelle Einbindung der Sonderpädagogik (Organisationsformen sonderpädagogischer Unterstützung, Zentren für Unterstützung, unterschiedliche regionale Angebotsformen, Für und Wider äußerer Differenzierungsformen) und die gesellschaftliche Bedeutung von Handlungsfeldern in den Blick. Hier wurde eindringlich sowohl für die Realisierung spezifischer regionaler Angebotsformen als auch für die angemessene Qualifizierung der Handelnden in den Praxisfeldern eingetreten.
Es wurde vorgeschlagen, die sonderpädagogische Lehrerbildung in besonderer Weise zu thematisieren. Angesichts der Problemfelder Behinderung, Benachteiligung, Migration, Flucht, Armut einerseits und neoliberalen und neopositivistischen Tendenzen, Diversity Management und Digitalisierung andererseits nahm der Aspekt der Politikberatung auch im Zusammenhang mit der Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen einen breiten Raum ein.

Der ebenso bedeutsame Bereich der Diagnostik wurde nicht zur Sprache gebracht, um eine vertiefte Diskussion der anderen Inhalte zu ermöglichen. Aus der Sicht des vds sollten die nachfolgenden Aspekte bei weiteren Gesprächen Berücksichtigung finden: Aufhebung aller Kategorisierungen, Non-Labeling versus prozessbegleitende Diagnostik, Vermeidung/Verringerung von Fehlurteilen und Fehlplatzierungen, prozessbegleitende Diagnostik versus Statusdiagnostik.

Der konstruktive und kollegiale Austausch in einer entspannten Atmosphäre orientierte sich weitgehend an den Vorgaben des Bundesverbands. Es wurde auch aufgezeigt, dass es Dissens und Kontroversen gibt – und geben muss: kritische Auseinandersetzungen in einem offenen Diskurs müssen geführt werden – sie sind Voraussetzung für Weiterentwicklungen.

Ein ausführlicher und differenzierter Bericht über das Fachgespräch wird erstellt und mit den Beteiligten abgestimmt werden. Damit soll eine Grundlage für die allseits gewünschte und für erforderlich gehaltene Fortsetzung der Diskussion geschaffen werden. An dieser können sich auch weitere Kolleginnen und Kollegen beteiligen, denen die Teilnahme am Fachgespräch in Kassel zu diesem Termin nicht möglich war. Der Verband Sonderpädagogik wird mit seinen Gremien die Möglichkeiten weiterer Fachgespräche prüfen.

Dr. Angela Ehlers

Prof. Dr. Bodo Hartke (Rostock) und Christiane Mettlau
(Bundesreferentin Emotionale und Soziale Entwicklung

Horst Beier (Bundesvorstand) und Prof. Dr. Ulrich Heimlich
(München)

Hans Lohmüller (Landesvorsitzender Bayern) und Hendrik
Reimers (Bundesreferent Geistige Entwicklung)
Prof. Dr. Christian Lindmeier (Koblenz-Landau) und
Prof. Dr. Birgit Werner (Heidelberg)
Prof. Dr. Reinhard Lelgemann (Würzburg) und
Prof. Dr. Sieglind Ellger-Rüttgardt (Berlin)

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