Treffen der Landesreferenten und -referentinnen Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung
Bericht 2017

Vom 11. bis 13. Mai 2017 haben die Landesreferentinnen und -referenten des Referats Geistige Entwicklung in Hanau und Bruchköbel in Hessen getagt.

Am ersten Tag gab es die Gelegenheit zum engen Austausch über den aktuellen Stand der sonderpädagogischen Förderung im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung in den einzelnen Bundesländern. Exemplarisch werden im Folgenden die Themen kurz dargestellt, die zurzeit in allen Bundesländern Relevanz haben:

  • Es kommt zunehmend zu personellen Engpässen bei der Versorgung mit Sonderschullehrkräften. Diese Engpässe dürfen aber nicht zu dauerhaften Abstrichen in der Qualifizierung des Personals führen. Für die gegebenenfalls notwendige Beschäftigung von Quer- oder Seiteneinsteigern (usw.) müssen sowohl kurzfristig intensive als auch im Anschluss über längere Zeit begleitende umfassende Angebote zur Qualifizierung vorgehalten werden.
  • Zum aktuellen Zeitpunkt gibt es für Menschen mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung kaum Angebote zur inklusiven Bildung in der Sekundarstufe II. Hier gilt es dringend, Angebote zu entwickeln. Es bietet sich an, eine Umfrage unter den Landesreferentinnen und -referenten zu initiieren, um Aufschluss über Art und Umfang bestehender Angebote zu erhalten.
  • Im Zusammenhang mit den sich zukünftig verändernden Rahmenbedingungen entsprechend des Bundesteilhabegesetzes wird der Übergang von der Schule in das nachschulische Leben mit der Vorbereitung auf das Berufsleben voraussichtlich eine Neuausrichtung erfahren. Dabei wird deutlich, dass es unbedingt erforderlich ist, zu den aktuellen bzw. zukünftigen Angeboten zur beruflichen Bildung für Menschen mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung Kommentierungen und eventuell Positionierungen aus Sicht des vds vorzunehmen. Das Referat Geistige Entwicklung wird dazu einen entsprechenden Antrag an die Hauptversammlung 2017 vorbereiten.
  • In mehreren Bundesländern ist eine Angliederung von Schulsozialarbeit an die Schulen/Förderzentren mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung ausgeschlossen. Eine Diskussion dazu machte die positiven Effekte einer an diese Schulen/Förderzentren gebundene Schulsozialarbeit deutlich. Als Konsequenz wird das Referat Geistige Entwicklung auch hierzu einen entsprechenden Antrag an die Hauptversammlung 2017 vorbereiten.

Am zweiten Tag des Treffens wurden die Anträge 10 und 11 der Hauptversammlung 2015 in Berlin dem Arbeitsauftrag aus dem Bundesausschuss entsprechend bearbeitet. Dazu arbeitete das Referat an Kriterien, die für gesetzliche Grundlagen in den einzelnen Bundesländern zur medizinischen Versorgung von Schülerinnen und Schülern herangezogen werden können, um deren Teilhabe am Schulalltag in vollem Maße zu ermöglichen. Außerdem wurden Kriterien für einen pädagogisch sinnvollen Einsatz von medizinischem Pflegepersonal in Schule skizziert.
Diese Überlegungen werden im Weiteren mit dem Referat Körperlich-motorische Entwicklung kommuniziert und gemeinsam weiterentwickelt.

Ein weiterer Tagesordnungspunkt befasste sich mit dem Einsatz von digitalen Medien in der Bildung von Schülerinnen und Schülern mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung.
Medien können diesen Menschen vielfältige neue Handlungsmöglichkeiten erschließen, zu einer bedeutend höheren sozialen Unabhängigkeit beitragen und damit die Lebensqualität umfassend verbessern. Diese Medien können zukünftig einen erheblichen Beitrag zu einem deutlich gesteigerten Erleben von mehr Autonomie und Unabhängigkeit und somit zu mehr Teilhabe und Inklusion leisten.
Das Referat Geistige Entwicklung vereinbart zwecks einer Übersicht zu den diversen Teilaspekten, die zur Entwicklung eines Medienkonzepts an Förderschulen/Förderzentren Geistige Entwicklung zu berücksichtigen sind, eine bestehende Mindmap zur Thematik in die referatsinterne Dropbox zu platzieren und zu nutzen, um weitere Gedanken und Ideen im Rahmen einer strukturierten Übersicht zu sammeln und nach einer Zeit der Vervollständigung zur Verfügung zu stellen.

In fast allen Bundesländern bestehen inklusive Maßnahmen, in denen einzelne Schülerinnen und Schüler mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung beschult werden. Diese „Einzel-Inklusions- Maßnahmen“ stellen oft eine besondere Herausforderung für alle Beteiligten dar. Schülerinnen und Schüler mit diesem Förderbedarf werden durch ungeeignete Rahmenbedingungen schwer belastet. Im Referat werden einige Checkpoints aufgestellt, anhand derer solche Maßnahmen weiterentwickelt werden können. Die Liste erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, kann aber Anregungen geben.

  • Es gibt die grundsätzliche Bereitschaft an der Allgemeinen Schule, das bestehende Konzept zu hinterfragen und zu verändern.
  • Es gibt ein Konzept für soziale Integration (Partnerschaften, Vorbeugung von Mobbing z.B. in Klassen 7 bis 9, usw.).
  • Es gibt ein Pausenkonzept, dass Vereinsamung in Pausensituationen ausschließt. – Die Schule fühlt sich in der Zusammenarbeit mit den Eltern dafür verantwortlich, Kontakte zu Peer- Gruppen zu ermöglichen. – Die Eltern von Schülerinnen und Schülern der Allgemeinen Schule werden informiert und in die Vorbereitung der Maßnahme eingebunden.
  • Die Maßnahme wird von Sonderpädagogen mit der Fachrichtungsqualifikation Geistige Entwicklung begleitet. – Die sonderpädagogische Stundenzuweisung ist abhängig vom individuellen Bedarf der Schülerin / des Schülers. Dabei sollte ein Regelsatz von zehn Unterrichtsstunden nicht unterschritten werden. Absolutes Minimum sind fünf Unterrichtsstunden.
  • Wenn es an einer Schule mehrere Klassen mit „Einzel-Inklusions-Maßnahmen“ gibt, müssen auch im Sinne eines „Peeraustauschs“ klassenübergreifende Lerngruppen geplant werden.
  • Zeiten für Mahlzeiten und für Toilettengänge müssen im Sinne von Rhythmisierung und Individualisierung im Schulkonzept eingeplant werden.
  • Das Prinzip der Rhythmisierung ist im Unterricht zu berücksichtigen. – Kooperative Lernformen sind im Unterricht einzuplanen.
  • Es werden Bildungsmöglichkeiten zum Erwerb lebenspraktischer Fertigkeiten in der Stundentafel berücksichtigt.
  • Es gibt festgelegte Zeiten zur Teambesprechung/-beratung.
  • Es ist eine möglichst hohe Kontinuität in der Personalplanung sowohl seitens der Allgemeinen Schule als auch des beteiligten Förderzentrums/der Förderschule anzustreben.
  • Schulbegleitungen dürfen die Selbstständigkeit der Schülerin / des Schülers nicht behindern.
  • Schulbegleitungen sind auch für die Ganztagsbetreuung zuständig.
  • Es gibt verbindliche Teamvereinbarungen.
  • Es sind entsprechend differenzierte Lehr- / Lernmaterialien vor Ort vorzuhalten/anzuschaffen. Die Maßnahme wird kontinuierlich hinsichtlich der Zweckdienlichkeit für die Schülerin/den Schüler evaluiert und weiterentwickelt.

Zum Abschluss des zweiten Tags wurden Chancen und Grenzen verschiedener Formen der Kooperation als Möglichkeit zur inklusiven Bildung für Schülerinnen und Schüler mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung diskutiert. Im Gesprächsverlauf wurde deutlich, dass sich zum Beispiel Partnerklassen (wie u.a. in Bayern) bewährt haben, da unter anderem „Vereinsamungsprozesse“ verringert werden.

Sehr viele Möglichkeiten bieten offensichtlich Schulen, in denen Allgemeinen Schule und Förderschule unter einem Dach mit einer gemeinsamen/getrennten Schulleitung gefasst sind. „Campusmodelle“ in Form einer Angliederung von kompletten Stufen an Regelschulen inklusive der erforderlichen räumlichen Ausstattung erscheinen ebenfalls als sehr geeignet.

Am letzten Tag des Treffens wurden Vor- und Nachteile von „interner“ und „externer“ Diagnostik für Schülerinnen und Schüler mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung erörtert. Aufgrund der steigenden Schülerzahlen gibt es in mehreren Bundesländern Ansätze, mittels externer Diagnostik die Zahl der Schülerinnen und Schüler mit festgestelltem Unterstützungsbedarf zu regulieren. Als Fazit der Diskussion um „interne“ und „externe“ Diagnostik konnten die folgenden Statements festgehalten werden:

  • Eine Feststellungsdiagnostik ist eventuell extern möglich, bedarf aber einiger Grundsätze, wie sie unter anderem im Weiteren benannt werden.
  • Diagnostik muss von voll ausgebildeten Sonderpädagogen, die an Förderschulen/ Förderzentren angebunden sind, durchgeführt werden.
  • Die Personen, die diagnostisch tätig sind, sind nach Möglichkeit auch mit der Bildung / Förderung/ Begleitung von Kindern/Jugendlichen mit diesem Förderschwerpunkt betraut.
  • „Interne“ Diagnostik darf nicht zu einer künstlichen Zunahme der Feststellung des Unterstützungsbedarfs führen (besonders im Grenzbereich GE – L)
  • Im Sinne einer „ganzheitlichen“ Diagnostik darf nicht ein IQ-Quotient ausschließlich maßgeblich für die Feststellung des Förderschwerpunkts Geistige Entwicklung sein.
  • Am Prozess des Feststellungsverfahrens sollten nach Möglichkeit zwei diagnostisch tätige Personen beteiligt sein.
  • Lernprozessbegleitende Diagnostik ist nach einer „Erstfeststellung“ maßgeblich für alle weiteren „Status-“ und Förderbedarfsfestlegungen.
  • Für interne Diagnostik müssen angemessene Ressourcen bereitgestellt werden. Interne Diagnostik am Unterrichtsvormittag, für die parallel Unterricht ausfällt, ist zu vermeiden.
  • Bei Doppeldiagnosen (z.B. GE und psychische Erkrankung) ist externe Diagnostik durch psychologisch qualifiziertes Fachpersonal erforderlich.
  • Externe Statusdiagnostik in einem fremden Raum mit fremden Personen kann problematisch sein. – Es kann sinnvoll sein, wenn sich an den Förderzentren/Förderschulen ausgewählte Personen als „Diagnostikexperten“ fortbilden /weiterqualifizieren.
  • Förderort und „Statusdiagnose“ sind getrennt zu betrachten.
  • Beratungsangebote müssen unabhängig von einem eventuellen Unterstützungsbedarf möglich sein.
  • In die Gutachtenerstellung muss mindestens eine weitere Stellungnahme (z.B. Entwicklungsbericht aus der Kita) einfließen.
  • An den Übergängen sollte eine weitere ausführliche Differentialdiagnostik erfolgen. – Ggf. sind „Diagnostikprobewochen“ für Schülerinnen und Schüler mit vermuteten Förderbedarfen im Bereich Geistige Entwicklung anzustreben.

Ein großes Dankeschön geht an Tina Roeschen für die Organisation der Tagungsräume, des Rahmenprogramms und für die Versorgung in der Frida-Kahlo-Schule während der Tagung.

Das nächste Treffen der Landesreferentinnen/-referenten wird vom 26. bis 28. April 2018 in Erfurt oder Mühlhausen stattfinden. Gastgeber ist Martin Degner.
Bisher sind folgende Arbeitsschwerpunkte anvisiert:

  • Übergang von der Schule in das nachschulische Leben mit der Vorbereitung auf das Berufsleben unter dem Aspekt der sich zukünftig verändernden Rahmenbedingungen entsprechend des Bundesteilhabegesetzes
  • Positionierung zur Personalnot und den daraus resultierenden Qualifizierungsmaßnahmen von bislang nicht voll ausgebildeten Sonderpädagogen in der Fachrichtung Geistige Entwicklung
  • Aufgaben und Rolle von Förderschulen/ Förderzentren in Bezug auf inklusive Maßnahmen

Hendrik Reimers

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