Von der Taubstummenlehrer-(aus)bildung zu den Studiengängen "Prävention, Inklusion und Rehabilitation (PIR) bei Hörschädigung" - Quo vadis?

Ab 1817 wurden am Taubstummeninstitut in München Lehrer für taubstumme Menschen ausgebildet, weil nach einer königlichen Verfügung in jedem Kreis des Landes Bayern eine Taubstummenanstalt errichtet werden sollte. Parallel dazu sollten Taubstumme auch in den Volksschulen des Landes unterrichtet werden. Zweihundert Jahre später wird an der Ludwig-Maximilian-Universität (LMU) in München der Modellstudiengang „Prävention, Inklusion und Rehabilitation (PIR) bei Hörschädigung“ angeboten.

Das Jubiläum war Anlass für eine ganztägige komprimierte Fachtagung mit sechzehn Fachvorträgen, die sich auf unterschiedliche Aspekte des Förderschwerpunkts Hören und Kommunikation bezogen. Hier soll lediglich Bezug auf den einführenden historischen Überblick und auf den abschließenden Ausblick der „kleinen“ Fächer Blinden- und Sehbehindertenpädagogik sowie Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogik genommen werden.

Prof. Dr. Annette Leonhardt (LMU) beschrieb in ihrem Vortrag den Prozess von der Einrichtung des ersten Kurses 1819 bis zu den heutigen differenzierten Studiengängen und hob insbesondere hervor:

  • Die Taubstummenlehrer(aus)bildung begann, weil die gemeinsame Beschulung von gut hörenden und taubstummen Schülerinnen und Schülern angestrebt wurde.
  • Von Anfang an wurden ein universitäres Studium angestrebt und die Zusammenarbeit mit der Universität praktiziert.
  • Seit ihrer Entstehung haben sich die Gehörlosenpädagogik und die Schwerhörigenpädagogik auf die gesamte Lebensspanne des Menschen mit Hörschädigung ausgerichtet und deshalb eine intensive Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen entwickelt.
  • Mit den neu eingerichteten zwei Bachelor- und vier Masterstudiengängen an der LMU München soll qualifiziertes Personal für Menschen mit Hörschädigung in allen Altersbereichen ausgebildet werden.
  • Der Beruf des Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogen wurde in den zweihundert Jahren voneiner Männer- zu einer Frauendomäne.

Einen vergleichbaren Entwicklungsgang wie die Gehörlosen- und Schwerhörgenpädagogik haben die Blinden- und die Sehbehindertenpädagogik vollzogen, Parallelen bestehen auch bei den gegenwärtigen Herausforderungen und bezüglich der Perspektiven der Fächer.

Der letzte Vortrag wurde deshalb von Prof. Dr. Annette Leonhardt und Prof. Dr. Sven Degenhardt (Universität Hamburg) gehalten: „Die „kleinen“ Fächer Blinden- und Sehbehindertenpädagogik sowie Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogik in Zeiten der Inklusion“. Beide Referenten stellten heraus:
Die „kleinen“ Fächer

  • müssen sich im Kreis der sonderpädagogischen Fächer deutlicher positionieren
  • gingen immer über die Schulpädagogik hinaus und begleiteten die Lebensspanne
  • verfügen als älteste Fächer über in Jahrhunderten angesammeltes umfangreiches interdisziplinäres und sehr ausdifferenziertes Wissen
  • Inklusive Beschulung in den Förderschwerpunkten Hören und Sehen bedarf hochqualifizierter Fachkräfte
  • Als „inklusive Schule“ ausgewiesene Einrichtungen müssen umfänglich barrierefrei sein, damit Schülerinnen und Schüler dies nicht als „Etikettenschwindel“ betrachten. Die tatsächliche Teilhabe am Unterricht und die soziale Inklusion sind zu sichern.

Der Themenbereich der „Barrierefreiheit“ in der Infrastruktur und in den didaktischen Angeboten kann ohne die fachliche Expertise aus den Bereichen „Hören“ und „Sehen“ nicht angemessen bearbeitet werden.
Die spezifische Expertise wird in den inklusiven Handlungsfeldern gebraucht, sie kann nicht durch andere sonderpädagogische Fachrichtungen oder weniger qualifiziertes Personal ersetzt werden.
Die Ausbildung von Sonderpädagogen in den vier Pädagogiken für alle Bundesländer muss langfristig abgesichert und an möglichst vielen sonderpädagogischen oder inklusionspädagogischen Studienstätten verankert werden.

Peter Wachtel

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