Migration und schulischer Wandel: Leistungsbeurteilung
S. Fürstenau, M. Gomolla (Hrsg.)

Warum ist „Migrationshintergrund“ überhaupt ein Thema für die Sonderpädagogik? Die fachliche wie öffentliche Inklusionsdiskussion beschränkt sich gegenwärtig in Deutschland lediglich auf ability versus disability, und klammert dadurch den Begriff Migration aus. Zwar brauchen Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund keine eigene Pädagogik und Didaktik. Allerdings stellt die Unterrichtung und Erziehung mancher Kinder und Jugendlicher mit Migrationshintergrund an Lehrkräfte besondere Anforderungen – vor allem im Bereich des Lernens und Verhaltens. In dem vorliegenden Band belassen es die beiden Herausgeberinnen, wie man es von einem guten Herausgeberwerk erwartet, nicht dabei, einleitend die versammelten Beiträge vorzustellen und einzuordnen, sondern diskutieren umfassend, engagiert, aber nicht einseitig kritisch gesellschafts- und schulpolitische Entwicklungen. Die Auswirkungen auf die schulische Praxis, gerade der Leistungsbeurteilung werden erörtert. Dabei weisen sie nicht nur auf die Zweischneidigkeit von Schulleistungstests – das wäre soweit kein Alleinstellungsmerkmal –, sondern auch auf die Problematik von scheinbar gerechteren individualisierten Instrumenten der Leistungsfeststellung hin, bei denen auch die Eltern stärker mit eingebunden werden. Gerade dieser gut gemeinte Ansatz kann für manche Kinder leicht zur Stolperfalle werden. Denn hier profitieren wiederum die Schüler, „deren Eltern versiert sind, ihre Interessen im Kontext von Schule zur Sprache zu bringen und durchzusetzen“ (16). Auf eine weitere Gefahr des intensiven Sammelns individueller Leistungen weisen die Herausgeberinnen anschließend hin: „Unter dem Druck zu selektieren können zum Zweck der individuellen Förderung sorgfältig gesammelte Daten über die Lernentwicklung einzelner Kinder im Handumdrehen zu ‚belastenden‘ Fakten werden, die den Ausschlag für Negativentscheidungen geben“ (ebd.). Neben der Einleitung enthält das Herausgeberwerk neun Kapitel, die von elf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verfasst wurden, die durchgängig den Blick auf die Praxis gerichtet haben. Besonders hilfreich aus der Sicht einer Sonderpädagogin sind nachfolgende, im Einzelnen vorgestellte Beiträge. Renate Valtin problematisiert im Beitrag „Noten oder verbale Beurteilungen: Was ist ein gutes Zeugnis?“ die Doppelfunktion von Leistungsbeurteilungen und Zeugnissen zwischen individueller Förderung und Selektion. Sie referiert die Ergebnisse einer umfangreichen, von Valtins durchgeführten empirischen Längsschnittuntersuchung, die feststellte, was so manche Leserin erwartet hat: Das verbale Zeugnis ist bei Kindern, Eltern und Lehrkräften unbeliebt. Nach Valtin geschieht dies – so gut ver bale Beurteilungen in ihrem Bestreben nach Indivi dualisierung gemeint sind – teilweise zu recht, denn: „Die Fehlurteile, die bei Noten auftreten, gibt es auch bei der verbalen Beurteilung. Lehrkräfte sollten sich dessen bewusst sein, dass Voreingenommenheiten ihren objektiven Blick (…) verzerren können“ (102). Valtins Analysen von Berichtszeugnissen zeigen leider, dass die Vorzüge der ver balen Beurteilung wie die Orientierung am individuellen Lernfortschritt und die differenzierte Beschrei bung des Lernstandes, vor allem aber – und dies ist aus sonderpädagogischer Sicht besonders relevant – Hinweise auf Fördermöglichkeiten und Ermutigung nicht ausreichend umgesetzt werden. „Eine Zeugnisreform kann nur wirkungsvoll sein unter den Bedingungen von verändertem Unterricht und einer veränderten Funktion der Schule, die nicht auf Aus lese, sondern auf die gemeinsame und individuelle Förderung aller Kinder gerichtet ist“ (103). Lengyel und Roth befassen sich mit dem Thema „Beobachtung der Schreibentwicklung in der Sekundarstufe I“, das nicht nur in der Sekundarstufe zu kurz kommt, sondern auch im Hinblick auf Jugendliche mit Migrationshintergrund. In diesem Zusammenhang weisen sie auf das renommierte Programm FörMig (För steht für Förderung) und den Begriff „Bildungssprache“ nach Gogolin, Neumann und Roth hin. Dieser Begriff soll für das Problem sensibilisieren, dass gerade Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund zwar oft die Alltagssprache Deutsch auf einem brauchbaren Niveau erwerben, mit zunehmender Fachsprache in ausdifferenzierten Fächern – je weiter die Schulzeit voranschreitet – jedoch nicht mehr mithalten können. „Das im Modellprogramm entwickelte Gesamtkonzept der ‚Durch gängigen Sprachbildung‘ will Brüche in den Bildungsbiografi en der Schüler an den institutionellen Übergängen vermeiden und die Tradition der impliziten Vermittlung von Bildungssprache in den Institutionen aufbrechen (…).“ (126) Auf die anderen Bände der sehr empfehlenswerten Reihe von theoriegeleiteten, aber praxisorientierten Lehrbüchern des Herausgeberteams kann an dieser Stelle ebenfalls hingewiesen werden.

Christine Einhellinger

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