Handbuch Migration und Bildung
Michael Matzner (2012) Hrsg.

30 Wissenschaftler aus den Sozial- und Erziehungswissenschaften, aus der Sonder- wie aus der Sozialpädagogik, aus Psychologie und Germanistik - um nur die großen Fachbereiche zu nennen - stellen aktuelle Forschungserkenntnisse vor, die aber immer nicht nur Wissenschaftler, sondern auch in der schulischen und pädagogischen Praxis Tätige ansprechen und erreichen. An Strategien für praktisches Handeln nämlich, so stellt Matzner mit Verweis auf den Nationalen Bildungsbericht fest, mangelt es in Deutschland leider. Im Vorwort belässt es der Herausgeber nicht dabei, den Aufbau des Handbuchs vorzustellen, sondern steigt tief in die Materie ein. Der Text ist inhaltlich sehr dicht, reich an Informationen und mit zahlreichen Quellen belegt. Gleichzeitig ist er, trotz des fachsprachlichen Niveaus, mitreißend und kurzweilig zu lesen, denn er stellt die aktuelle Diskussionslage vor und bezieht auch eindeutig Stellung. Matzner hebt beispielsweise mit Bezug auf Curvello hervor, dass eine „Konzentration auf den Aspekt der ‚Anerkennung‘ und der Bewahrung der Herkunftsidentität“ bei Migrantinnen zu regressiven Haltungen führen kann, solange nicht gleichzeitig „umfassende Anpassungsleistungen“ (15) von ihnen verlangt werden. Weiter arbeitet Matzner heraus, dass die Benennung der türkischstämmigen Schüler als Gruppe mit besonderer Bildungsbenachteiligung, der Streitfall Zweisprachigkeit und auch die These der institutionellen Diskriminierung (Gomolla & Radtke) durchaus sehr kontrovers diskutiert werden. Matzner widerspricht in diesen Punkten namhaften Autoren der Migrationsliteratur wie Yildiz, Mecheril oder Gomolla und setzt sich bewusst dem Risiko der Kritik aus. Das besondere Verdienst dieses Handbuchs ist es, verschiedene Perspektiven eines Themas in dem Sinn vorzustellen, dass nicht nur verschiedene Themenbereiche oder auch Professionen zu Wort kommen, sondern auch bewusst kontroverse Positionen eingenommen werden. Besonders anschaulich zeigt sich das am Beispiel des Streits um die Bedeutung der Muttersprache. Der Herausgeber lässt Hartmut Esser aus der Sicht eines Soziologen zu Wort kommen, der berichtet, dass die Muttersprache eine eher geringe, die (deutsche) Verkehrssprache aber eine sehr hohe Bedeutung für die angestrebte Integration auf dem Arbeitsmarkt hat. Die Psychologin Birgit Leyendecker dagegen arbeitet heraus, wie groß die Bedeutung der Muttersprache für die individuelle und kollektive Identität der Einwanderer und ihrer Kinder hat. Einige Anmerkungen zu den Kapiteln verdeutlichen die Leistungen des Sammelbands. Die Autoren des Kapitels 1: „Menschen mit Migrationshintergrund: Daten, Fakten und Perspektiven“ nehmen eine sozialstrukturelle Perspektive (Rühl, von Gostomski), eine integrationstheoretische (Luft) und eine entwicklungspsychologische Perspektive (Leyendecker) ein. Zudem wird die gesellschaftspolitische Perspektive der Einstellungen zu Migranten vorgestellt (Peucker). Ein Nachteil statistischer Fakten in Büchern ist natürlich, dass diese eine geringe „Halbwertszeit“ haben. Allerdings lassen sich aufgrund der vorgestellten Quellen die Zahlen leicht überprüfen. Da der Schwerpunkt auf Tendenzen und weniger auf absolute Zahlen gelegt wird, sind innerhalb kurzer Zeit auch keine umfassenden Veränderungen erwartbar. Schwerpunktmäßig geht es im Kapitel 2 „Migration und Bildung: Daten, Fakten und Erklärungen“ um die Frage, inwieweit und warum schulischer und allgemeiner Bildungserfolg mit der Zugehörigkeit zu besonderen ethnischen Gruppen zusammenhängen kann (Matzner, Kristen & Dollmann, Thränhardt & Weiss, Thränhardt). Im Kapitel 3: „Sprache und Sprachförderung“ kommt, wie bereits erwähnt, der Soziologe Esser zu Wort. Zudem berichten Rösch und Schründer-Lenzen, zwei renommierte Forscherinnen, zum Bereich des Zweitspracherwerbs. Das Kapitel 4 „Kinder und junge Menschen aus Einwandererfamilien in Elementarbereich, Schule und Berufsausbildung“ ist mit zehn Beiträgen das umfangreichste und stellt „entlang der Bildungskette“ von Frühförderung (Edelmann) bis Berufsausbildung (Matzner) aktuelle Wissensbestände vor. Für den Bereich Förderschule konnte Ulrich Schröder gewonnen werden. Gerade für Sonderpädagoginnen an Förderzentren bzw. im Bereich der Kinder und Jugendlichen mit Lernbeeinträchtigungen und Verhaltensstörungen werden im Kapitel 5 „Familien und Kinder aus Einwandererfamilien in der Kinder- und Jugendhilfe“ interessante Konzepte vorgestellt. Die Autoren sind in der Erforschung der Jugendhilfe tätig (Fendrich, Pothmann &Wilk), erforschen schwerpunkthaft Interkulturelle Pädagogik (Fischer), Interkulturelle Jugendarbeit (Thimmel) oder fokussieren die Arbeit mit „sozial auffälligen und gewaltbereiten jungen Migranten“ (Kilb). Nach diesem Überblick sollen aus der Fülle der insgesamt 25 Beiträge exemplarisch die Beiträge näher vorgestellt werden, die aus sonderpädagogischer Perspektive besonders gewinnbringend erscheinen. Der fachsprachlich zwar anspruchsvolle, aber gut lesbare Übersichtsartikel von Rösch, „Deutsch als Zweitsprache (DaZ): theoretische Hintergründe, Organisationsformen und Lernbereiche, Lehrerbildung“, stellt in knapper Form die wesentlichen Theorien und Standpunkte zum Thema DaZ vor. Er ist ein idealer Einstiegsartikel für alle, die sich neu in das Thema einarbeiten oder auf den aktuellen Stand der Forschung und wissenschaftlichen Diskussion bringen wollen. Die Schlussfolgerungen für die pädagogische Praxis machen deutlich, dass die Förderung von DaZ im Rahmen des regulären Unterrichts sehr schwierig ist, da sie sowohl bei den Lehrenden als auch bei den Lernenden sehr viel Energie erfordert. Daher empfiehlt Rösch besonders Kurse außerhalb der Unterrichtszeit und Feriencamps für DaZ. Schründer-Lenzen stellt in ihrem Beitrag „Diagnose und Förderung der sprachlichen Entwicklung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund“ einleitend vier große Unterrichtskonzeptionen vor, von denen hierzulande am ehesten die der Submersion verbreitet ist. Die Herkunftssprache hat demnach keine Bedeutung; die Konzentration erfolgt auf die jeweilige Verkehrssprache, also Deutsch. An diesem Punkt problematisiert Schründer-Lenzen das Thema der Wertigkeit von Sprachen, denn fehlende „Förderungswürdigkeit“ wird immer dann diskutiert, wenn Herkunftssprachen „für die Teilhabe an den internationalen wirtschaftlichen Prozessen keine Relevanz haben“ (168). Nachdem Forschungszugänge zur Wirksamkeit von Zwei- und Mehrsprachigkeit vorgestellt werden, stellt die Autorin ausführlich entlang der Beispiele verschiedener Bundesländer und ihrer Lehrpläne didaktische Prinzipien des Sprachlernens vor. Daran direkt anknüpfend werden wesentliche diagnostische Instrumente vom Vorschulbereich bis zur Sekundarstufe vorgestellt und kritisch gewürdigt, z.B. SISMIK, das Sprachenportfolio Thüringen, HAVAS 5 und der CITO-Sprachtest. In ihren Schlussfolgerungen für die pädagogische Praxis betont Schründer-Lenzen, dass Sprachförderung allein für den integrativen Prozess nicht ausreicht, sondern darüber hinaus „die Bereitstellung von kulturgebundenem Weltwissen, die Vermittlung von Toleranz gegenüber unterschiedlichen religiösen und säkularen Orientierungen und die Erziehung zur Akzeptanz und Umsetzung demokratischer Grundrechte“ (177) zu leisten sei. Am Beitrag von Schröder, „Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund in Förderschulen“, sind vor allem die Interpretationen interessant, die der einzige Sonderpädagoge in der Autorenschaft dieses Handbuches anstellt. So räumt er einerseits ein, dass die Benachteiligung dieser Schülerschaft zwar eng mit dem selektiven deutschen Schulsystem zusammenhänge, dass dies aber nicht die einzige Ursache sein kann. Wenn man z.B. nach Frankreich blicke, könne man sehen, dass dort das Schulsystem weit weniger selektiv ist, die Probleme aber ähnlich gelagert seien. Zur These der institutionellen Diskriminierung bezieht er sehr eindeutig Stellung. Eine solche hält er gemessen an der hohen Bedeutung der deutschen Sprache im Unterricht „für ganz abwegig“ (248). Einen besonderen Stellenwert in der Erklärung für die Überrepräsentation von Schülern mit Migrationshintergrund an deutschen Förderschulen räumt er der sozialen Benachteiligung vieler Familien mit Migrationshintergrund ein. Des Weiteren problematisiert er mögliche „abweichende subkulturelle Sozialisationsmuster“ (249), unterschiedliche Rollenverständnisse und die Vermittlung zwischen dem inneren Denken in der Muttersprache und dem deutschen Sprachgebrauch, selbst wenn dieser auf hohem Niveau erfolgen kann. Die Lektüre dieses Handbuches ist aufgrund der mehrperspektivischen Herangehensweise und des praktischen Bezugs sowohl den in der Wissenschaft Tätigen als auch Studierenden und allen in der (sonder-) pädagogischen Praxis Beschäftigten sehr zu empfehlen.

Christine Einhellinger

zurück
Information