Inklusion. Lehr- und Arbeitsbuch für professionelles Handeln in Kirche und Gesellschaft.
Ulf Liedtke, Harald Wagner u. a.

Noch ein Buch über Inklusion wird mancher sagen. Doch dieses Buch hat die darin besprochene Vielfalt in sich. Nur auf den ersten Blick zielen die theologisch ausgerichteten Fachgebiete einiger Herausgeber, wie Harald Wagner, Ulf Liedke und Martin Leutzsch, der Untertitel „Lehr-und Arbeitsbuch für professionelles Handeln in Kirche und Gesellschaft“ und die Platzierung im Verlagsprogramm unter Theologie und Diakonie in eine Richtung. Scheint doch damit der Schwerpunkt auf kirchliche oder theologische Fragestellungen gesetzt. Wer das Buch aufschlägt und die Titel der Beiträge studiert, findet die theologischen Themen in sozialkritischen, migrationsgesellschaftlichen, handlungsbezogenen und pädagogischen Themen aufgespannt. Insgesamt stellt das Buch eine Fundgrube an differenziert ausgeleuchteten Theorieansätzen zu unterschiedlichen Zugängen dar, die zudem in einen praxisorientierten Zusammenhang gebracht werden. Alle Beiträge stehen spürbar innerlich miteinander in Beziehung. Interessierte Laien als auch Experten werden angeregt, mit diesen gut fundierten Ideen selbstständig weiter zu arbeiten. Allen Autorinnen und Autoren ist eine hohe Reflexionsebene gemein. Der Aufbau des Buchs bietet durchgängig praxisorientierte Fragestellungen oder nachvollziehbare Zugänge und Überlegungen zur Vertiefung an.

Die Themenschwerpunkte Theologie, Gemeindearbeit, Sozialraumorientierung, Soziale Arbeit und Pädagogik in einem Band auf der Basis theoretischer Grundlagendiskussionen bietet einen kompakten sozial- und gesellschaftskritischen Zugang zu den aktuellen Anforderungen im Inklusionsdiskurs. Die Autorinnen und Autoren sind renommierte Persönlichkeiten ihrer Fachrichtungen und geben den Leserinnen und Lesern in ihren Beiträgen unterschiedliche Möglichkeiten eines qualifizierten Theorie- Praxis-Transfers. Der konsequente didaktische Aufbau unterstützt das Verständnis der Anliegen auch für themen- oder fachfremde Leserinnen und Leser.

Inklusion wird in diesem Buch aus der oftmals einseitigen bildungs- und behindertenrelevanten Perspektive herausgenommen und in zwölf Beiträgen in aktuellen sozialräumlichen, sozialpolitischen und sozialpädagogischen Bezügen und aus der angesprochenen theologisch-gemeindeorientierten Perspektive diskutiert. Jeder Zugang wird von den Autorinnen und Autoren unterschiedlich in Bezug zum jeweiligen theoretischen und praktischen Inklusionsverständnis gesetzt.

Der Anspruch des Buchs richtet sich an die „Selbstbefähigung und Professionalität in Abwehr von unreflektiertem Inklusionsaktivismus“, konstatieren Ulf Liedke und Harald Wagner im Vorwort. In allen Beiträgen werden auf feinen begrifflichen Differenzlinien unterschiedliche Ansätze und ordnungspolitische Praktiken theoretisch analysiert, bewertet und in einer Praxistheorie noch einmal reflektiert. Die stringent didaktisch durchgehaltene Aufteilung der Beiträge in Theoriegrundlegung, Praxistheorie und Anregungen zur Weiterarbeit, Selbstbefähigung und Reflexion eignet sich sehr gut für eine breite Leserschaft und als Impulsgeber für Seminare unterschiedlichster Fachrichtungen und Themenstellungen. Die Inhalte werden mit diesem methodischen Kunstgriff zudem auf unterschiedlichen Reflexionsebenen jeweils neu aufbereitet. Die scheinbare Engführung auf Theologie und Diakonie im Titel weitet sich durch dieses Angebot der inhaltlichen, didaktischen und fachlichen Varianten unterschiedlicher Zugänge einer gemeinsamen Thematik.

Ulf Liedke und Harald Wagner beginnen den vorliegenden Band mit einem grundlegenden sozialwissenschaftlich ausgerichteten Einstieg zum Begriff Inklusion. Sie diskutieren Inklusion zunächst sehr differenziert aus der systemtheoretischen Perspektive Luhmanns, um daraus dann einen aktuellen Diskurs und neue Zugänge zu Fragen der sozialen Ungleichheit und Exklusion, als auch zu Behinderung, Teilhabe und gesellschaftlicher Vielfalt zu entwickeln. Der Praxistheorie liegt die Anerkennungstheorie Axel Honneths zugrunde, die von Liedke und Wagner differenziert unter dem Aspekt der Inklusion entfaltet wird. Daraus erarbeiten Liedke und Wagner eine theoretische begründete Matrix inkludierender Operationen mit der konkret Fragen mehrdimensional diskutiert werden können. Wie selbstverständlich finden die theologischen und praktisch gemeindebezogenen Themen innerhalb eines gesamtgesellschaftlich gesehenen Auftrags ihren Raum in diesem Band.

Martin Leutzsch und Ulf Liedke nehmen in zwei Beiträgen eine theoriebezogene theologische Perspektive auf und reflektieren diese anhand eines biblisch-theologischen Blickes auf Heterogenität, Inklusion und Exklusion (Leutzsch) und aus einer systemtheologischen Auslegung von Inklusion (Liedke). Grundlagen im christlichen Denken und Handeln werden gegenüber den biblischen Quellen und in Auseinandersetzung mit der christlichen Tradition auf ihren Inklusionsbezug hin geprüft. Es werden damit fundierte Kriterien und Bezüge für verantwortliches christliches Handeln in der Gesellschaft erarbeitet. Ein Fundus biblischer Quellen gibt teilweise erleuchtende Einblicke in die Möglichkeiten der Auslegung der Bibel. Ein theologischer Zugang zu einem Inklusionsverständnis gelingt über die Reflexion der Gottesebenbildlichkeit des Menschen, über eine befreiende Verkündigung und eine inklusive Gemeinschaft der Heiligen. Hier wird ein systematisch-theologisches Grundverständnis von Inklusion aus einer theologischen Perspektive erarbeitet. Anregungen zur Weiterarbeit sind nach dieser für Laien schwierigen aber interessanten Lektüre über eine Analyse kirchlicher Stellungnahmen über Inklusion und biblischer Texte aber auch in der Reflexion verschiedener kirchlicher und gemeindlicher Inklusionsprojekte möglich. Beispiele dazu werden aufgeführt.

In einem weiteren Aufsatz stellt Ulf Liedke überblicksartig theologische Publikationen zum Thema Inklusion vor, die zunächst auf einer religionspädagogischen Ebene agieren, jedoch zunehmend auch praktisch-theologische Züge aufweisen würden. Ebenso beispielhaft werden im Praxisteil gemeindliche inklusionsorientierte Projekte und Zugänge im Sinne „inklusiver Leuchttürme“ dargestellt, die die Elemente Spiritualität, Verkündigung, Gemeinschaftsbildung, Lebenshilfe und Bildung im Sinne „inklusiver Kommunikationsformen“ aufnehmen. Am Ende wird dazu aufgefordert, die Arbeit der Kirchgemeinden in eine inklusionsorientierte Sozialraumanalyse zu integrieren.

Die theologischen und diakonischen Schwerpunkte des Bands zeigen differenziert auf, dass Inklusion in den unterschiedlichen Sozialräumen und Bezügen intensiv diskutiert wird, ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag zunehmend wahrgenommen wird und die jeweiligen Zugänge sowohl theoretisch als auch praktisch analysiert und umgesetzt werden.

Die weiteren Beiträge zur Inklusion tragen nach Aussage der Herausgeber zu einer „Erweiterung und Differenzierung des Fachdiskurses bei“.

Ulrich Deinet und Christian Reutlinger diskutieren die gesamtgesellschaftliche Herausforderung der Inklusion aus der Perspektive von Menschen mit Behinderungen unter den Aspekten der sozialräumlichen Aneignung u.a. auf der Grundlage der kulturhistorischen Schule nach Leontjew. Interessant ist hier die Transformation eines psychologisch angelegten Diskurses auf eine sozialpädagogische Ebene im Kontext eines praktisch orientierten Inklusionsverständnisses im städtischen Raum.

Harald Wagner diskutiert den Inklusionsbegriff unter dem systemtheoretischen Ansatz von Luhmann, Bourdieu u.a. Die historische Entwicklung des Inklusionsbegriffs als auch die daraus resultierende gesellschaftliche Auseinandersetzung mit separierenden Strukturen gibt einen konstruktiven Eindruck in den Wandel des Verständnisses von unterschiedlichen Zugängen zu Exklusions- und Inklusionsmomenten. Harald Wagner vertieft die theoretischen Überlegungen von Paul Mecheril im vorliegenden Band noch einmal. Zugänge bieten ihm Reflexionen über den Zugang zum politischen Raum und Milieugrenzen, die sich über Gruppenidentität und Gruppenzugehörigkeit definieren. Grundlagen dazu bieten die sozialpsychologischen Arbeiten von Tajfel und Turner, die Verhaltensmuster in Gruppenbezügen analysierten und die Theorie von Bourdieu, die in die Thematik der Inklusions- und Exklusionsprozesse zu übertragen seien. Wesentlich seien die Verschränkungen von Klassifikationen, Bewertungen und Ausgrenzungen, die jeweils in einen Bezug gesetzt werden müssten. Erschwert werde dies zunehmend durch transnationale und hybride Kulturen und führe zu Mehrdeutigkeiten von Identitätsverortungen. Konkret stellen sich diese theoretischen Gedanken am Beispiel von Menschen mit Migrationsbewegungen dar. Praktische Arbeitsvorschläge, diesen Ausführungen nachzuspüren, werden aufgezählt. Darunter findet sich u. a. die Analyse aktueller Printmedien auf Grundlage der theoretisch erarbeiteten Kriterien und Gruppendiskussion, um symbolische Handlungsweisen zu vermitteln. Hier werden die komplexen theoretischen Ausführungen greifbar und wieder in die Praxis übertragen.

Paul Mecheril stellt sehr deutlich dar, dass inklusives professionelles Handeln eine Veränderung der Machtverhältnisse nach sich ziehen muss. An Beispielen zu migrationsgesellschaftlichen Themen arbeitet Mecheril diese Konstellation auf Grundlage einer kapitalismuskritischen Theorie heraus. Er mahnt davor, dass ein neues Kategorisierungsprinzip bevölkerungspolitisch wirksam werden könne. Dies geschehe z.B., wenn die „Sprachfähigkeit nur mit Bezug auf die deutsche Sprache thematisiert“ werde und damit suggeriert werde, dass Sprechen und kommunikative Kompetenz in Deutschland nur an ausreichende Kenntnisse im Standarddeutschen zu knüpfen seien. Aufgestellte Thesen im Praxisteil regen eine grundlegende Revision pädagogischer Handlungsroutinen und Organisationsformen mit Augenmaß an.

Birute . Švedaite . -Sakalauske . und Harald Wagner diskutieren das Thema von Mecheril aus der Sicht von Foucault und transponieren seine Ideen der Gouvernementalität in die aktuelle Debatte der Inklusion. Aspekte der modernen Produktion, der Umgang mit Sprach- und Zeichensystemen, Technologien der Macht und Technologien des Selbst werden unter der Idee der Inklusion und deren Umsetzbarkeit im aktuellen politischen und gesellschaftlichen System reflektiert.

Mit dem „Index für Inklusion“ stellt Jo Jerg ein geeignetes und verständliches Instrument zur Gestaltung von Inklusionsprozessen vor. Dieser Index arbeitet mit Fragen, denen sich jede Institution, Gemeinschaft oder Person stellen kann, um im entsprechenden Bezugssystem ein wertebasiertes Inklusionsverständnis zu reflektieren. Zunächst für Kindertagesstätten und Schulen entwickelt, werden Schlüsselkonzepte der Angebote unter den Aspekten Strukturen, Kulturen und Praktiken hinterfragt. Weiterentwicklungen des Index beziehen sich auf den „Kommunalen Index für Inklusion“ und sogar auf einen „Index für Sport“. Praktische Erfahrungen und Tipps zur Anwendung runden den Beitrag sehr anwendungsorientiert ab.

Ein eher sozial- und heilpädagogischer Zugang findet sich in den Aufsätzen von Monika Seifert, Kerstin Ziemen und Johannes Eurich. Monika Seifert thematisiert, dass die Inklusionsdebatte nicht nur ein Problem der Öffnung gesellschaftlicher Organisationen und Infrastrukturen sei, sondern auch ein Diskurs über Diskriminierung i.S. der Qualität der ermöglichten Teilhabe. Inklusion sei kein „Sonderproblem von Gruppen”, sondern eine gesellschaftspolitische Aufgabe, inkludierende Verhältnisse zu schaffen. Diese Fragestellungen werden im praxistheoretischen Teil unter den Aspekten der inklusionsorientierten Erschließung der Potentiale des Sozialraums analysiert. Themen der Unterstützungsstrukturen wie Nachbarschaften, Kooperation und Vernetzungen, Aktivitäten und Beteiligungen in einer sozialraumorientierten Arbeit spiegeln die Möglichkeiten des theoretischen Ansatzes in der Praxis wider. Konkrete Projekte geben Impulse zur praktischen Weiterarbeit.

Kerstin Ziemen erarbeitet unter dem Bildungsaspekt Schule und Lernen über die „entwicklungslogische Didaktik“ von Georg Feuser und über Wolfgang Jantzens Theorie einer „Allgemeinen Behindertenpädagogik als systemische Humanwissenschaft“ die Notwendigkeit einer mehrdimensionalen reflexiven Didaktik innerhalb einer inklusiv ausgerichteten Pädagogik heraus. Es seien in inklusiven Lern-und Lehrformen unterschiedliche Dimensionen neu zu beachten und zu organisieren: die Schule und deren übergreifende makrostrukturelle Bedingung, die Lehrpersonen und Teams, die Sach- und Lerngegenstände, die Konzepte und Methoden und die Dimension des Raums. Im praxistheoretischen Teil werden dazu konkrete Beispiele vorgestellt und auf der theoretischen Grundlage analysiert.

Johannes Eurich stellt seinen Beitrag zum Thema der Reflexion des inklusiven professionellen Handelns auf zwei Theoriegrundlagen: den Empowermentansatz und die Lebenswelttheorie. Einmal gehe es um das Ermöglichen, selbstbestimmt den Lebensalltag (wieder) zu bewältigen. Zum anderen sollen der Sinn und die Effizienz Sozialer Arbeit aus der Perspektive des Adressaten reflektiert werden. Am Beispiel der Assistenz konkretisiert Eurich die unterschiedlichen Formen inklusiven professionellen Handelns. Im theoretischen Teil definiert Eurich das Verständnis und die Ziele, die Aufgaben und Formen sowie den Wandel des Verständnisses einer professionellen Assistenz. Diese Zuarbeit gibt unterschiedlichen Zielgruppen eine Vorstellung der Differenzierung im Aufgabenbereich Assistenz. In der Forderung, dass sich die Behindertenhilfe zu einer lebensweltorientierten systemischen Arbeit wandeln müsse, um die notwendigen individuellen Unterstützungsleistungen bei gleichzeitiger Stärkung der Möglichkeiten zur sozialen Teilhabe zu leisten, endet der theoretische Teil in einer gesellschaftspolitischen Aufforderung. Heilpädagogisches Handeln werde zunehmend eine kooperative, entwicklungsfördernde Ressourcenarbeit innerhalb der Alltagsstrukturen und Lebenswelten im Gemeinwesen. Im Praxisteil scheinen die theoretischen Überlegungen der Beiträge von Mecheril und Wagner unter hierarchischen und machtpolitischen Gegebenheiten wieder durch. Eurich stellt deutlich dar, dass auf dieser Grundlage und den beiden theoretischen Zugängen das Selbstverständnis der Behindertenhilfe i. S. einer inklusionsfördernden Grundhaltung und Kompetenzorientierung neu diskutiert werden müsse.

Susanne Römer

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