Ich kann Niemandem mehr vertrauen
Thomas Müller (2017)

Die Notwendigkeit von Vertrauen ist ein zentrales Paradigma pädagogischer Theorie und Praxis, insbesondere in der Arbeit mit lebensgeschichtlich belasteten Kindern und Jugendlichen. Gleichwohl, so arbeitet Müller gleich zu Beginn dieser theoretisch wie empirisch umfassenden Schrift heraus, kann die Pädagogik auf keinen eigenen differenzierten fachdisziplinären Diskurs zum Thema „Vertrauen“ zurückgreifen.
Das Buch gliedert sich in elf dicht geschriebene Kapitel, von denen sich nur ein kleiner Teil (64 Seiten) mit der eigenen empirischen Untersuchung zur „Vertrauenspraxis verhaltensauffälliger Kinder und Jugendlicher“ befasst. Der wesentlich umfangreichere Teil, die Kapitel eins bis acht, beschäftigt sich in sehr differenzierter, vielfach multidisziplinärer Perspektive theoretisch mit dem Thema „Vertrauen“. Dabei gelingt es dem Autor in nachvollziehbarer Art und Weise, seine Analysen an den theoretischen Diskurs wie die praktische Tätigkeit mit Kindern und Jugendlichen mit Verhaltensstörungen anzubinden.
Hierbei wird kenntnisreich herausgearbeitet, dass verletztes Vertrauen und Verhaltensstörung zwar durchaus miteinander in Verbindung stehen, ohne jedoch unilinear aufeinander bezogen zu sein. Demnach dürfe pädagogische Praxis, so Müller, auch nicht ausschließlich auf die Schaffung umfassenden Vertrauens zielen, sondern müsse differenziert die Ausgangslagen der Schülerinnen und Schüler beachten. Denn gerade die Pädagogik bei Verhaltensstörungen habe es auch und vielfach mit Jungen und Mädchen zu tun, deren hohes Vertrauen sie wiederkehrend in bedrohliche und missbrauchende Beziehungen führe. Eine reflexive Pädagogik müsse angesichts der Asymmetrie pädagogischer Beziehungen „mitbedenken, wie sich das gelebte Misstrauen, das den Beginn und die Kontinuität erzieherischer Verhältnisse verhindert, gewandelt werden kann in ein gesundes Misstrauen, welches dazu führt, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen nicht länger leichtgläubig und schutzlos dem Missbrauch ihres Vertrauens ausgeliefert sind“ (S. 96).

In der vielschichtigen Auseinandersetzung mit Vertrauen als Thema der Pädagogik spiegelt sich ein Detailreichtum, etwa, wenn Widersprüche zwischen einer Rousseauschen Theoriebildung und dessen eigenem Erziehungshandeln aufgezeigt werden. Dies geschieht jedoch stets ohne ins Episodische abzugleiten.

Neben entwicklungspsychologischen Aspekten von Vertrauensentwicklung und -ausprägungen werden auch soziale Determinanten derselben diskutiert. Für die Moderne konstatiert Müller hierbei einen Widerspruch aus unzureichend vorhandenen gesellschaftlichen Ordnungsstrukturen einerseits und der wachsenden Notwendigkeit andererseits, auf sich selbst zu vertrauen.

In den Kapiteln neun und zehn stellt Müller die eigene Fragebogenerhebung zur Vertrauenspraxis von Schülerinnen und Schülern der Schule für Erziehungshilfe vor. Hervorzuheben ist hier die kritische wissenschaftliche Praxis, mit der der Forscher bei der Entwicklung des Erhebungsinstruments vorgegangen ist. Während der Autor auf durchaus ausgeprägte kognitive Ressourcen der befragten Schülerinnen und Schüler (befragt wurden schließlich 290 Personen im Alter von 10–19 Jahren) verweist, bedurfte die Erfassung von präreflexiven Erfahrungs-und Erlebensanteilen zahlreicher Prätests und Überarbeitungen des Erhebungsinstruments. Mit Hilfe von Multiple-Choice- und offenen Fragen gelingt es dem Autor, Interpretationen zur Vertrauenspraxis der befragten Gruppe abzuleiten. Die in der Analyse ausschnittweise wiedergegebenen Antworten der Befragten auf offene Fragen belegen die beeindruckende Auseinandersetzung und Reflexivität der Kinder und Jugendlichen mit diesem Thema. Gleichzeitig sind die gehaltvollen Antworten als Beleg für die angemessene und zugewandte Form der Fragestellungen zu verstehen.

Im letzten Kapitel legt Müller eine Zusammenfassung seiner Überlegungen vor, die die Frage nach der Relevanz der Diskursstränge und der eigenen Erhebung für die Pädagogik bei Verhaltensstörungen aufgreift. Da er herausarbeiten konnte, dass die befragten Schülerinnen und Schüler die Bedeutsamkeit von Vertrauen zwar anerkennen, sie jedoch emotional vielfach negativ konnotieren, muss sich die Theorie und Praxis der Fachdisziplin gerade auch mit der Tatsache auseinandersetzen, dass Vertrauen nur langsam entstehen kann und keinesfalls als Voraussetzung für gelingende pädagogische Arbeit gelten sollte.

Mit diesem Band liegt eine fundierte Auseinandersetzung mit einer zentralen theoretischen und gleichzeitig praxisrelevanten Frage der Pädagogik vor. Nicht nur, aber besonders in einer Zeit, in der vielfach wenig fundierte Handlungsanleitungen die Disziplin dominieren und banalisieren, ist diese kenntnisreiche Auseinandersetzung sowohl Studierenden und Lehrenden an Hochschulen als auch Fachkräften der pädagogischen Praxis unbedingt zu empfehlen.

David Zimmermann

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