Förderschwerpunkt Sprache
Vorläufige überarbeitete Fassung der Standards

Präambel

Sprache ist ein zentrales Medium des Lernens, des sozialen Handelns und emotionalen Erlebens. Sprache und Bildung ermöglichen Teilhabe an der Gesellschaft. Die zunehmende Komplexität und Flexibilität der beruflichen Anforderungen in einer globalisierten Welt erfordern vielseitige Qualifikationen der Menschen. Formalsprachliche und kommunikative Fähigkeiten und Fertigkeiten stellen Schlüsselqualifikationen dar und tragen maßgeblich zu einem erfolgreichen Bildungsverlauf bei.

Sprachliche Bildung, Förderung und spezifische, individualisierte Interventionen erhalten daher für Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigungen im erwartungsgemäßen Sprachgebrauch eine besondere Bedeutung in Schule und Unterricht für eine barrierefreie Teilhabe an Bildung und Erziehung. Ihnen soll durch sonderpädagogische Bildung-, Beratungs- und Unterstützungsangebote die volle Teilhabe an Bildung und Gesellschaft ermöglicht werden. Bleibt der Zugang zum sprachlichen Ausdruck durch Nichtbeherrschen einer Schulsprache, Verzögerung oder nicht erwartungsgemäße Veränderung der Entwicklung der Erstsprache oder durch körperliche Schädigung oder Fehlentwicklung der Sprechwerkzeuge versperrt, bleibt auch der Zugang zu Teilen der Gesellschaft verschlossen

„Zur Verwirklichung eines Unterrichts, der diesem Anspruch auf sonderpädagogische Bildungs-, Beratungs- und Unterstützungsangebote gerecht wird, bedarf es qualifiziert ausgebildeter Lehrkräfte mit vertieften und wissenschaftlich abgesicherten Kenntnissen. Diese orientieren sich an (…) Entwicklungsbereichen, die Gegenstand der sonderpädagogischen Fachrichtungen sind“ (KMK 2011, 20). Dem Förderschwerpunkt Sprache kommt dabei die Aufgabe zu, den Entwicklungsbereich der Sprache, des Sprechen, des sprachlichen und kommunikativen Handelns (ebd.) durch sonderpädagogische Bildung-, Beratungs- und Unterstützungsangebote zu fördern.

Den hier vorgestellten Standards liegen einschlägige Ergebnisse aktueller Spracherwerbsforschungen sowie der im folgenden zitierten Unterrichts- und Effektivitätsforschung zu Grunde.

 1          Vorgaben und Ressourcen             

 1.1       Vorgaben

  • UN-Behindertenrechtskonvention
  • Bildungsstandards der allgemeinen und der berufsbildenden Schulen.
  • KMK-Empfehlungen „Inklusive Bildung für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen“, 2011
  • KMK-Empfehlungen zum Förderschwerpunkt Sprache (1998)
  • Länderspezifische Schulgesetze sowie Richtlinien/ Erlasse/ Curricula
  • Schulinterne Curricula, Programme, Leitbilder und Profile

 1.2       Ressourcen

 Personal

  • Einsatz akademisch ausgebildeter Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen mit dem Lehramt für Sonderpädagogik mit Qualifikation im Förderschwerpunkt Sprache.
  • Ergänzender Einsatz pädagogischen Fachpersonals mit Qualifikation im Bereich Sprache, Sprachentwicklung und Sprachförderung (z.B. Absolventen einschlägiger B.A.-Studiengänge) zur Assistenz der Tätigkeit der Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen mit dem Förderschwerpunkt Sprache

 Räumlichkeiten / Ausstattung

  • Baulich angemessen gestaltete und ausgestattete Räume, die den Reflexionsschall nach DIN 18041 reduzieren.
  • Ausreichend große Klassenräume, die unterschiedliche offene Arbeitsweisen und Sozialformwechsel ermöglichen.
  • Separate, zentral gelegene und angemessen ausgestattete Räume für Einzel- und Kleingruppenförderung.
  • Angemessene Reduzierung der Klassenstärke

Organisationsstruktur

  • Möglichkeiten zur Fachberatung, Supervision und Fortbildung für Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen mit dem Förderschwerpunkt Sprache.
  • Möglichkeiten zum Kommunikationstraining, zur Sprecherziehung und Stimmhygiene.
  • Zeitlich angemessener Rahmen zur kollegialen Beratung für Lehrkräfte der allgemeinen Schule
  • Zeitlich angemessener Rahmen für Kooperationsmaßnahmen und Teambesprechungen (z.B. für gemeinsame Unterrichtsplanung).
  • Möglichkeit der ambulanten Förderung von Risikokindern im vorschulischen und schulischen Bereich.
  • Beratung von und Kooperation mit pädagogischen Fachkräften im vorschulischen Bereich.

 2          Prozessmerkmale                 

 2.1       Erfassung individueller Lernvoraussetzungen

  • Individualisierte Diagnostik im Bereiche Sprache, Sprechen und Kommunikation als Teil der Kind-Umfeld-Analyse gemäß der KMK-Empfehlungen „Inklusive Bildung für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen, 2011 durch Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen
  • Bestimmung der sprachlichen und kommunikativ-pragmatischen Lernausgangslage: Kompetenzen und Schwierigkeiten in den Bereichen Sprachstruktur und Kommunikation, sozial-emotionale und kognitive Entwicklung, Motorik, auditive und visuelle Wahrnehmung.
  • Prozessuale Diagnostik und Beobachtung der Lernentwicklung zur Evaluation individualisierter Lern- und Erziehungsziele.
  • Prozessuale Reflexion und Evaluation der Diagnostik in kooperativen Förderkonferenzen mit beteiligten Lehrkräften.

 2.2       Merkmale des Unterrichts

 2.2.1    Materielle Rahmenbedingungen

  • Physikalisch-räumliche, materiell-mediale und sozial-interaktive Unterrichtsbedingungen, die angstfreie und selbstbestimmte sprachliche und kommunikative Erprobung der sprachlichen Handlungsfähigkeiten
  • Bereitstellung kompensierender Angebote zum sprachlichen bzw. kommunikativen Ausdruck (z.B. audiovisuelle Medien und Sprachhilfsmittel) oder Ermöglichung alternativer Arbeits- und Präsentationsformen
  • Angemessene materielle und mediale Ausstattung zur Visualisierung und Schaffung von Sprechanlässen.

 2.2.2    Unterrichtsplanung

  • Identifikation sprachstruktureller und kommunikativer Barrieren in der Unterrichtsplanung durch:Analyse der räumlich-akustischen Bedingungen (Nebengeräusche, Reflexionsschall),
    • Analyse der Sozial- und Arbeitsformen (Hintergrundgeräusche und nicht intendierte Sprachanteile anderer Schülerinnen und Schüler bei offenen Arbeitsformen),
    • Analyse der Klassenatmosphäre (Erwartungshaltungen der Lehrkräfte und sprachlich erwartungsgemäß entwickelter Mitschülerinnen und Mitschüler),
    • Analyse des Sprach- und Kommunikationsverhaltens der Lehrkräfte (Tempo, Länge, Form und Abstraktion der Lehrerinnen- und Lehreräußerungen), sprachliche und    inhaltliche Analyse der Unterrichtsthemen und -medien,
    • Transparente und für Schüler berechenbare und wiederkehrende zeitliche Struktur und Organisation des Unterrichtsablaufes und des Schultages,
    • Fokussierung und situativ angemessene Reflexion von spezifischen sprachstrukturellen und kommunikativ-pragmatischen Merkmalen mit Schülerinnen und Schülern in beiläufigen und ritualisierten Situationen des Unterrichtsablaufes und des Schultages.
    • Vorbereitung individualisierter und spezifischer sprachlicher Lernziele (Mußmann 2012)

2.2.3    Methodik

  • methodische und didaktische Umsetzung der erforderlichen Lernprozesse im Unterricht auf phonetisch-phonologischer, semantisch-lexikalischer, syntaktisch-morphologischer und kommunikativ-pragmatischer Ebene.
  • Modellhafte Unterrichtssprache mit reflektiert variierendem Sprechtempo und Akzentuierung durch Lautstärke und Tonhöhe zur Aufmerksamkeitsführung (Ellis Weismer/ Hesketh (1996).
  • Situativ angemessenes fraktioniertes Sprechen (minimale Pausen) vor relevanten Laut-, Wort- oder Satzstrukturen.
  • Angemessener Wechsel von sprachlicher Rezeption, Reflexion und Produktion (Modalitätenwechsel, Motsch 2010)
  • Individuell sprachlich zwingende Kontexte integriert in Unterrichtssituationen (ebd.)
  • Individuelle Unterstützung der Schülerinnen und Schüler durch sprachspezifische Strategien:
    • sprachspezifisches Lob
    • metasprachliche Reflexion
    • Aufmerksamkeitsfokussierung auf geforderte Zielstrukturen
    • Präsentation situativ angemessener und individuell modellhafter sprachlicher Zielstrukturen oder korrektives Feedback durch die Lehrkraft
    • Schaffen von Möglichkeiten zum Üben und zur Anwendung von demonstrierten, reflektierten und erprobten Zielstrukturen (vgl. Theisel/ Glück 2012).

Kooperation

  • Kooperation und kollegiale Beratungen in multiprofessionellen Teams aus Fachkräften der beteiligten Schulen und Zentren der Unterstützungssysteme, vor- und außerschulischen Einrichtungen.
  • Zusammenarbeit mit relevanten Behörden und Einrichtungen des Gesundheitswesens sowie der Jugendhilfe
  • Beratung und Zusammenarbeit mit Kindertagesstätten und anderen vorschulischen Einrichtungen vor dem Übergang zur Grundschule
  • Beratung und Zusammenarbeit mit Eltern

 3          Ergebnisse     

 3.1       Richtziele                                                     

  • Selbstbestimmte sprachliche Handlungsfähigkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe unter den Bedingungen spezifischer Beeinträchtigungen der Sprache, des Sprechens, der Stimme und der Redefähigkeit.
  • Erleben erfolgreicher Kommunikation durch den erwartungsgemäßen Gebrauch phonetisch-phonologischer, semantisch-lexikalischer, syntaktisch-morphologischer und kommunikativ-pragmatischer Struktur- und Prozessmerkmale in unterschiedlichen sozialen und institutionellen Zusammenhängen

3.2       Feinziele

Erleben erfolgreicher Kommunikation (KMK-Empfehlungen für den Förderschwerpunkt Sprache, 1998) durch:

  • angemessene Erweiterung des individuellen Phoninventars,
  • Überwindung phonologischer Vereinfachungsprozesse,
  • Erwerb morphologischer und syntaktischer Regeln,
  • Erweiterung und Strukturierung des aktiven und passiven Wortschatzes,
  • Sprachverständnis auf Wort-, Satz- und Textebene,
  • Erreichen von Sprechflüssigkeit,
  • Physiologischer Stimmbildung und
  • Lese- und Rechtschreibkompetenz (Motsch 2009, 245)

3.3       Transferziele

 Schülerinnen und Schüler sind motiviert,

  • unterschiedliche Lebenssituationen selbstbestimmt zu gestalten und zu bewältigen (Berufsorientierung), sich neue Entwicklungs- und Lernfelder zu erschließen (Berufsvorbereitung, Weiter- und Fortbildung),
  • sich aktiv in soziale Bezüge einzubringen, diese mit zu gestalten und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen (politisches und kulturelles Engagement).

Lehrkräfte sind sensibilisiert

  • für behindernde und fördernde sprachliche Struktur- und Prozessmerkmale der Kommunikation im Unterricht.
  • für die wesentlichen Merkmale des verzögerten oder gestörten Spracherwerbs und -gebrauchs.
  • und informiert über Beratungs- und Unterstützungsmöglichkeiten durch Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen mit dem Förderschwerpunkt Sprache.

Literatur:

Ellis Weismer, E./ Hesketh, L. J. (1996): Lexical learning by children with specific language impairment: Effects of linguistic input presented at varying speaking rates. In: Journal of Speech and Hearing Research, 39, 177-190.

Theisel, A., Glück, C.W. (2012): Hauptmerkmale eines entwicklungswirksamen Unterrichtsangebotes für sprachbeeinträchtigte Kinder in der Einschätzung von Experten. In: Die Sprachheilarbeit 58, 2012,1, 24--34.

Motsch, H.-J. (2009): Förderschwerpunkt Sprache: Still-stand-ards oder zukunftstaugliche Innovation? In: Wember, F.B./ Prändl, St. (Hrsg.): Standards sonderpädagogischer Förderung. München, Basel: Reinhardt, S. 233 – 245.

Motsch, H.-J. (2010): Kontextoptimierung. Reinhardt: München.

Mußmann, J. (2012): Inklusive Sprachförderung in der Grundschule. Reinhardt: München.

Kultusministerkonferenz (2011): Inklusive Bildung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen in Schulen (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 20.10.2011). Im Internet unter: http://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2011/2011_10_20-Inklusive-Bildung.pdf [heruntergeladen am 7.1.2012].

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