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Wenn alle Stricke reißen
Bundesfachkongress Würzburg

Am 16. und 17. September 2016 fand in der Universität Würzburg der Bundesfachkongress mit dem Titel "Wenn alle Stricke reißen" statt. Kooperationspartner war der Lehrstuhl von Prof. Dr. Roland Stein, der gemeinsam mit seinem Team und engagierten Studierenden maßgeblich zum Gelingen der großen Veranstaltung beitrug.

Bereits Mitte Juni 2016 war diese Fachveranstaltung bis auf den letzten Platz ausgebucht. Die einzelnen Vorträge und Impulsreferate sowie Materialien werden auf einer CD sowie zum Download bereitgestellt.

Rund 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten aus dem vielfältigen Seminarangebot jeweils vier Veranstaltungen auswählen. Erstmals gab es zudem die Möglichkeit, sich für Workshops über 180 Minuten anzumelden.

Der Fachkongress befasste sich mit den Problemen hochbelasteter, absenter oder traumatisierter Kinder und Jugendlicher, die durch ihr Verhalten sich selbst und andere stark herausfordern und oftmals nicht in normal großen Lerngruppen lernen können. Die einzelnen Veranstaltungen widmeten sich der Frage nach wirksamen und praktikablen Handlungsstrategien, damit kein Kind und kein Jugendlicher durch das Netz von Hilfen und Unterstützungsangeboten fallen muss. Diese Anforderungen wurden vor allem vor dem Hintergrund der Aufgaben und Herausforderungen in inklusiven Bildungssystemen betrachtet.

Prof. Dr. Thomas Hennemann, Universität Köln, bot in seinem Vortrag „Herausforderndes Verhalten im inklusiven Bildungssystem – Effektive Förderung sozial-emotionaler Entwicklung zwischen Prävention und Intervention” am ersten Kongresstag einen Überblick in kompakter Form über neue Sichtweisen und Interventionsformen für Kinder und Jugendliche mit Unterstützungsbedarf in ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung.

Prof. Dr. Ute Koglin, Universität Oldenburg, referierte am zweiten Veranstaltungstag über „Grundlagen und wirkungsvolle Interventionen bei Kindern und Jugendlichen mit hoher Aggressivität“ und belegte ihre in packender Form vorgetragenen Forschungen mit zahlreichen empirischen Untersuchungsergebnissen und Meta-Studien.

Parallel zu den Seminarangeboten fand am Samstag ein Fachgespräch mit gleichlautendem Titel "Wenn alle Stricke reißen" mit 30 geladenen Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern wie Medizin,Jugendämtern, Anbietern von Jugendhilfemaßnahmen, unterschiedlichen Schulformen, Bildungsadministration und pädagogisch-psychologischer Forschung in enger Planungs- und Durchführungsabstimmung mit dem Bundesreferat Erziehungshilfe und insbesondere mit der Bundesreferentin Christiane Mettlau statt.
Die Grundlage des Fachgesprächs bildete die Analyse, dass eine bis heute nicht bekannte Zahl von Schülerinnen und Schülern bundesweit durch verschiedene Ordnungsmaßnahmen, aber auch weniger sichtbaren Formen von Pull-Out-Prozessen vom regulären Unterricht ferngehalten wird. Zudem beinhalten zahlreiche aktuelle Schulgesetze die Möglichkeit der Beschulung in unterrichtsersetzenden Maßnahmen, die die Gefahr einer sozialenund bildungsbezogenen Exklusion mit sich bringen können. Die Ausgangslage der Kinder und Jugendlichen, deren Recht auf Bildung nicht bzw. nicht umfassend verwirklicht, wird wie auch Möglichkeiten zur Verbesserung dieser Situation wurden vor dem Hintergrund von Armut, sozialen Verhältnissen, Migrationshintergrund, schulischen Möglichkeiten und psychischen Belastungen beleuchtet und diskutiert. Man war sich einig darüber, dassa dministrative Abläufe, gesetzliche Vorgaben, individuelle, institutionelle, interdisziplinäre und – nicht zuletzt– politische Ebenen maßgeblich über Bildungs- und Erziehungsverläufe bestimmen.
Noch immer viel zu häufig stehen Regelangebote zwischen Bildung, Erziehung, Therapie und Strafe unverbunden nebeneinander und bleiben deshalb weitgehend wirkungslos. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die nicht bzw. nicht mehr von Unterstützungsangeboten erreicht werden, erleben Maßnahmen als ausgrenzend und abwertend und bleiben oft dauerhaft von Bildung ausgeschlossen.

Übereinstimmung bestand ebenfalls in der Sichtweise, dass Schulen, Jugendhilfe, Therapie, Psychiatrie und Justiz gemeinsam die Aufgabe zukommt, vernetzte und abgestimmte Hilfeformen zu entwickeln, die die Lebensbedingungen der Kinder und Jugendlichen und ihrer Familien berücksichtigen und integrierend wirken. Dabei gilt es, die besonderen biographischen Erfahrungen der jungen Menschen anzuerkennen und pädagogische sowie therapeutische Begleitung bei deren Bewältigung zu leisten. Zur Verbesserung von Teilhabechancen und (Re-)Integration in bestehende Systeme ist es dringend notwendig, durch qualifizierende schulische Bildungsangebote und soziale Eingliederungsmaßnahmen realitätsnah auf das Leben vorzubereiten.
Ein sich weiterentwickelndes Schulsystem unter der Zielsetzung inklusiver Bildung benötigt spezifische Expertise und Ressourcen für eine Lernkultur, die in unterstützenden Strukturen haltgebende Grenzen setzt und Verhaltensweisen versteht, entschlüsselt, bearbeitet sowie deren positive Entwicklung fördert.

Im Fokus des Fachgesprächs standen die folgenden Fragen:
Das Heute: Was finden wir am jeweiligen Arbeitsort vor?
– Warum reißen die Stricke unserer Hilfenetze?
– Welche Konzepte können wir als sinnvoll und wirksam identifizieren?

Das Morgen: Wie geht es weiter?
– Wie überführen wir gute Erfahrungsansätze in strukturelle Verlässlichkeit?
– Wie gestalten wir unsere Kooperationen verantwortungsvoll und überwinden Grenzen?

Der Schritt nach vorn!
– Welche bildungs- und sozialpolitischen Konsequenzen müssen wir ziehen?

Die Arbeitsform des gelenkten Gruppen-Puzzles in drei Runden führte zügig zu zukunftsorientierten Ergebnissen nach kompakter fünfstündiger Arbeitsphase. Nach Abstimmung dieser Ergebnisse im Kreis der Teilnehmerinnen und Teilnehmer wird daraus ein bildungs- und sozialpolitisches Forderungspapier des Verbands Sonderpädagogik entstehen.

Dr. Angela Ehlers, Marianne Schardt

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