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Quo vadis Sonderpädagogik
2. Fachgespräch in Kassel

Der Einladung des vds zur Fortsetzung des Fachaustauschs vom März 2017 folgten auch diesmal zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler:  Prof. Dr. Bernd Ahrbeck, Prof. Dr. Sieglind Ellger-Rüttgardt, Prof. Dr. Ulrich Heimlich, Prof. Dr. Clemens Hillenbrand, Prof. Dr. Desirée Laubenstein, Prof. Dr. Reinhard Lelgemann, Prof. Dr. Annette Leonhardt, Dr. Steffen Völker, Prof. Dr. Birgit Werner sowie Prof. Dr. Franz B. Wember. Der Verband für Blinden- und Sehbehindertenpädagogik e.V. wurde durch Dr. Martin Giese vertreten. Für den Berufsverband Deutscher Hörgeschädigtenpädagogen e.V. nahm Dietmar Schleicher teil. Der Bundesvorstand des vds war durch  Horst Beier, Marianne Schardt und Dr. Peter Wachtel  vertreten, verstärkt durch Dr. Susanne Römer und Christiane Mettlau (Bundesreferentinnen) sowie die Landesvorsitzenden Bianca Borlich (Sachsen-Anhalt) und Hans Lohmüller (Bayern). Als weiterer Gast war Sönke Asmussen als Vertreter der Kultusministerkonferenz (KMK) angereist.

Es ging darum, Positionen auszutauschen und Anregungen für die fachpolitische Weiterentwicklung des vds zu beraten, insbesondere für die Arbeitsgruppe vds-AGENDA 2019.

Zwei Impulsreferate zum Sonderpädagogischen Förderschwerpunkt Lernen führten am Vormittag mit Thesen und Leitfragen in die Diskussion ein. Prof. Dr. Ulrich Heimlich gab drei Impulse zur Zielgruppe, zu Handlungskonzepten und zu Organisationsformen. Er stellte sein Verständnis von Inklusion als die „Vielfalt der Wege“ vor und leitete daraus die Notwendigkeit ab, die fachliche Expertise zu schärfen und eine erweiterte Vorstellung vom Lernen mit dem international anschlussfähigen Begriff von „gravierenden Lernschwierigkeiten“ zu finden. Seine Vorstellung von „sonderpädagogischer Förderung“ ist eine individuelle Lernentwicklungsplanung, in der Diagnostik, Interventionen und die prozessbegleitende Evaluation aufeinander bezogen sind. Der  Förderprozess wird kontinuierlich durch qualifizierte Beratung begleitet. Prof. Dr. Heimlich sprach sich deutlich dafür aus, den Begriff der „sonderpädagogischen Förderung“ nicht aufzugeben. Er hält regionale Förderzentren für die zukunftsfähige Institution, aus der heraus Zugänge zu Bildung auch bei  „gravierenden Lernschwierigkeiten“ in einem gestuften System kooperativ und regional  vernetzt gewährleistet werden können. 

Nachdem 2011 die KMK mit ihren Empfehlungen zur inklusiven Bildung Impulse setzen konnte, sollen nun zu den einzelnen Förderschwerpunkten aktualisierte Empfehlungen folgen. Sönke Asmussen (Kultusministerium Baden-Württemberg) gab mit seinem „Werkstattbericht LERNEN“ einen interessanten Einblick in die aktuelle Arbeit der KMK- Redaktionsgruppe zu den  „Kompetenzorientierten Empfehlungen zum Förderschwerpunkt Lernen“.  Herr Asmussen versteht diese Informationen als Anregungen und Denkanstöße. Sie dienen der Verständigung auf Fachpositionen, die handlungsleitend sind. Sie bilden den Sachstand ab und können Standards setzen. Diese sind als Grundlage für Curricula oder Richtlinien verwertbar und sollen  Impulse sowohl in die Wissenschaft als auch in die Bildungspraxis senden. Vor allem sollen sie aber einen Weg nach vorne aufzeigen, ohne die Autonomie der Länder aus dem Blick zu verlieren. Herr Asmussen zeigte sich besorgt, dass durchaus gelegentlich die beunruhigende Frage gestellt wird, ob und in welchem Ausmaß sonderpädagogische Expertise in Zeiten der inklusiven Allgemeinen Schule überhaupt noch gebraucht würden.

In der angeregten Diskussion beider Beiträge wurden eine Reihe virulenter Themen besprochen, wie das Diagnostik-Ressourcen-Dilemma, die Frage nach der Notwendigkeit von  Bildungsplänen, die Wege zur Profilierung der Sonderpädagogik und die Unsicherheiten bezüglich der Anschluss-/Abschlussperspektiven im Förderschwerpunkt Lernen. Es wurden  Spannungsfelder sichtbar und durchaus differenzierte Positionen formuliert. Einige Schlaglichter der Diskussion seien hier herausgegriffen.

Schon 2017 bildete sich in dem ersten „Quo vadis - Diskurs“ ab, dass eine Lösung des Diagnostik-Ressourcen-Dilemmas strittig bleibt. Eine individualisierte Förderdiagnostik mit systemischer Ressourcenzuweisung ist fachlich wünschenswert. Die Abschaffung von Feststellungsdiagnostik und Etikettierung schafft aber neue Probleme, da individuelle Rechtsansprüche aufgegeben werden und die Rechtfertigung und Durchsetzung von Ressourcenansprüchen schwieriger werden können. 

Die Ungleichbehandlung  der Förderschwerpunkte Lernen, Sprache, Emotionale und Soziale Entwicklung im Vergleich zu speziellen Förderbedarfen ist als ungerecht zu kritisieren und hat den unerwünschten Nebeneffekt, dass Anstiege bei den speziellen Förderbedarfen zu verzeichnen sind. Der Leistungsdruck und das Lerntempo in der Allgemeinen Schule sind so hoch, dass über Feststellungsdiagnostik Ressourcen und Zieldifferenz als Entlastungsmaßnahmen für Kinder gesucht werden. Diese Beobachtungen begründen neben der Frage nach dem Stellenwert der Diagnostik auch die Frage danach, ob allgemeine Bildungsstandards im Sinne eines „common core curriculums“ ausreichen. 

Weitere Fragen im Diskurs waren:

  • Braucht die Allgemeine Schule Anregungen für besondere Curricula? 
  • Wie lösen wir Probleme bei der Leistungsbewertung? 
  • Wie gestalten wir qualifizierende Abschlüsse und gute Übergänge zwischen Schule und Beruf in den Förderschwerpunkten Lernen und Geistige Entwicklung? 

Ein „Bildungsversprechen“ in den Förderschwerpunkten Lernen und Geistige Entwicklung ist mehrdimensional. Es hat Teilhabe-Chancen zu ermöglichen, schulisches Lernen anzuregen und die Gesamtpersönlichkeit zu stärken. Die Modellierung des Oberflächenphänomens der Kulturtechniken durch Lebenslagenorientierung ist dazu Voraussetzung. Die Aufgabe der Sonderpädagogik wäre dann nicht nur die individuelle Förderung, sondern die Stabilisierung von Entwicklungsräumen.

Einig war sich das Plenum darin, dass die deutliche Profilierung der Sonderpädagogik hinsichtlich der Schärfung von Begriffen („Behinderung“, „Inklusion“, „Kompetenz“, „Förderung“) und hinsichtlich der Berufsrolle geleistet werden muss. Die Darstellung der sonderpädagogischen Fachexpertise muss nachvollziehbar sein und offensiver vertreten werden.

In der  Aus-, Fort- und Weiterbildung  gilt es einen Weg zu finden, der einerseits sonderpädagogische Fachlichkeit für die Allgemeine Schule und alle Studiengänge vorhält, ohne andererseits die Entprofessionalisierung durch kurze Qualifizierungskurse voranzutreiben.  Es gilt, eine gründliche sonderpädagogische Professionalisierung abzusichern, die rehabilitative Aspekte und Spezifika auch der speziellen Förderschwerpunkte im Auge behält. Hier beunruhigte die Einschätzung des Verbands für Blinden- und Sehbehindertenpädagogik e.V., der den  sonderpädagogischen Förderschwerpunkt Sehen gefährdet sieht, da kein wissenschaftlicher Nachwuchs mehr vorhanden ist. Dies führt auch im Förderschwerpunkt Hören zu einer bedrohlichen Existenzkrise.

Die Wirkungen sonderpädagogischer Interventionen sollten mehr evaluiert werden. Forschungsfragen könnten sein, ob sonderpädagogische Fachlichkeit Wirkungen auf die  allgemeine Unterrichtsentwicklung  hat, die Entwicklung regionaler, multiprofessioneller Netzwerke vorantreibt,  auf die Reduktion von Exklusionsrisiken Einfluss nimmt  und ob bessere Zugänge zu Bildung und Beruf für die betroffenen Schülerinnen und Schüler sichtbar werden.

Im zweiten Teil am Nachmittag setzte Dr. Peter Wachtel, der spontan die Moderation für die  erkrankte Bundesvorsitzende Dr. Angela Ehlers übernommen hatte,  angesichts der angelaufenen zweiten Dekade der Umsetzung der Behindertenrechtskonvention  folgenden Impuls:  Die Bilanzierung der Inklusion in der Öffentlichkeit reicht von zurückhaltend positiven Einschätzungen bis hin zu massiver Kritik. Er lud das Plenum ein, zwei Leitfragen zu diskutieren. 

  • Wie lässt sich die Entwicklung der letzten zehn Jahre von 2007 bis 2017 beschreiben, was war hinderlich und was war förderlich?
  • Was kann die Sonderpädagogik in den nächsten zehn Jahren zur Weiterentwicklung beitragen?

Wegen der großen Heterogenität der Inklusionsentwicklung in den Bundesländern und auch zwischen einzelnen Schulstandorten brachte die Diskussion viele Aspekte. Hinderlich wirkten in den letzten zehn Jahren die Tendenzen der Allgemeinpädagogik, Problemlagen an die Sonderpädagogik zu delegieren, anstatt sie kooperativ gemeinsam zu lösen. Damit besteht die Gefahr, dass alternative Bildungsbiographien nivelliert und damit Anschluss- und Teilhabemöglichkeiten gefährdet werden. Die Allgemeine Schule zu entwickeln und zu verändern, ist zukünftig notwendig. Die schulische Haltekraft kann erhöht werden, wenn man die Praktiker vor Ort und die Rahmenbedingungen in den Blick nimmt, anstatt lediglich an den Einstellungen und Haltungen zu arbeiten. Eine hohe moralische Emphase ist für die Inklusion hinderlich.

Die Ressource „Zeit“ für Schulentwicklungsprozesse, für multiprofessionelle Kooperation und für die Aufgabenwahrnehmung in der sonderpädagogischen Förderung muss erhöht werden.

Die Inklusion als Prozess braucht kompetente Begleitung. Hier sollte jenseits der Institutionslogik in regionalen Verbünden vernetzt geplant und gehandelt werden (Stichwort: inklusive Schulbündnisse). Die Inklusionsdogmatik, die in den vergangenen zehn Jahren im Vordergrund stand, sollte in der nächsten Dekade an der entstandenen Inklusionspragmatik gemessen werden. Standards und Evaluation können helfen, eine fachliche Beliebigkeit zu reduzieren. Die Rolle von Schulleitung und Schulaufsicht ist für die Qualitätsentwicklung der Inklusion bedeutsam und muss mehr in den Fokus rücken.

Offen bleibt noch die Frage, wie wir es schaffen, diese Erkenntnisse sowohl in die Politikberatung als auch in die Praxis zu bringen. Der vds wurde angeregt, seine Anstrengungen fortzusetzen, mit weiteren Verbänden zusammen zu arbeiten, um in die Allgemeinpädagogik hinein wirken zu können. Der vds wurde deutlich ermutigt, sich auf unterschiedlichen Ebenen einzubringen. 

 

Mit seinen schon seit Jahren angebotenen Fachtagen für den wissenschaftlichen Nachwuchs und zu Austauschmöglichkeiten zwischen Wissenschaftlern und Praktikern bietet der Verband Sonderpädagogik e. v. Raum für Kontroversen, Debatten und fruchtbare Auseinandersetzungen, wie diese Tagung „Quo vadis Sonderpädagogik“ gezeigt hat.

Wir bedanken uns sehr für die engagierte Teilnahme und die vielen Anregungen, die in die Arbeit der vds-Zukunfts- AGENDA 2019 einfließen werden.  Für März 2019 ist eine dritte Quo vadis-Veranstaltung geplant, um diesen Diskurs fortzusetzen.

Christiane Mettlau

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