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Tagung des Referats Emotionale und soziale Entwicklung

Vom 12.bis zum 14.4.2018 fand das diesjährige Treffen der Referentinnen und –referenten im Förderschwerpunkt Emotionale und Soziale Entwicklung im Tagungszentrum Kloster Michaelstein bei Blankenburg im Harz statt.

Verbandsangelegenheiten

Es waren 14 Bundesländer vertreten, teils sogar zusätzlich mit Stellvertretern. Lediglich die Vertreter von Rheinland-Pfalz und Niedersachsen konnten an dem Treffen nicht teilnehmen.

Nach Berichten aus den Gremien wurde festgestellt, dass noch mehr offene, transparente Diskurse gewünscht waren. Erste Ergebnisse aus der Agenda-Gruppe wurden vorgestellt. Die große Nachfrage bei den Bundesfachkongressen in Bielefeld und Dortmund wurde erfreut zur Kenntnis genommen. Die Einbeziehung des Referats in die Planung beider Bundesfachkongresse wurde als vorbildlich und sehr effektiv erlebt.

Berichte aus den Ländern

Schülerinnen und Schüler mit herausfordernden Verhaltensweisen sind in einem erheblichen Maße von schulischer Exklusion in verschiedener Weise betroffen. Im Saarland machten die Schulleitungen von Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt Emotionale und soziale Entwicklung durch einen Brief auf sich aufmerksam, der in der Saarbrücker Zeitung vom 18.2.2018 zitiert wird: „Die Lehrer an den Förderschulen ESE leisteten täglich, mit großem persönlichen Einsatz und hoher Sachkompetenz hervorragende Arbeit. Hierbei erzielten sie gute Fortschritte in der Erziehung und Bildung schwierigster, häufig psychisch kranker oder traumatisierter Kinder, die trotz aller Fördermaßnahmen im Regelschulbereich nicht tragbar sind und häufig nach vielen Schulwechseln aus dem Regelschulsystem ausgeschlossen wurden.“

Dort, wo weiterhin Förderschulen existieren, gibt es viele Anfragen für die Aufnahme von Kindern und Jugendlichen mit dem Unterstützungsbedarf Emotionale und soziale Entwicklung. Die Fallzahlen in der Inklusion steigen stark an, d.h. vielen Kindern werden sonderpädagogische Unterstützungsbedarfe zugeschrieben (vgl.: Wocken, H. (2017): Stabile Fehlentwicklungen - Etikettierungsschwemme und Separationsstillstand weiterhin auf hohem Niveau. Unveröffentlichtes Manuskript. hans-wocken@t-online.de). Die Stimmung an den Allgemeinen Schulen wird gegenüber den betroffenen Schülerinnen und Schülern als eher negativ beschrieben. Die vom vds formulierten Standards zur Sicherung der Qualität sonderpädagogischer Förderung an Allgemeinen Schulen (www.verband-sonderpaedagogik.de) werden selten erreicht. Profession und Berufsrolle werden teilweise polarisiert diskutiert. Einige favorisieren als Entwicklungsperspektive für den Förderschwerpunkt Prävention und integrative Maßnahmen, andere verstehen sich als intensivpädagogisches Entlastungsangebot. Ein vom Referat in seinem Positionspapier gefordertes gestuftes Interventionssystem wird zwar in vielen Bundesländern geboten, jedoch besteht die Gefahr, dass die Stufen 1 (Stufe der Prävention) und 2 (Stufe der pädagogischen und sonderpädagogischen Interventionen) übergangen werden und sofort die Stufe 3 (Stufe der sonderpädagogischen Interventionen- temporäre Lerngruppen) genutzt wird. Dies geschieht insbesondere dort, wo die Stunden für Mobile Dienste und andere sonderpädagogische Beratungs- und Unterstützungsleistungen reduziert wurden. So wird z. B. nach dem Regierungswechsel in NRW von „differenzierter Inklusion“ gesprochen, was bedeutet, dass Förderschulen erhalten bleiben und die Gymnasien nur einen eingeschränkten Inklusionsauftrag erhalten. Man setzt dabei neben einem flächendeckenden Förderschulangebot verstärkt auf neu gestaltete Schwerpunktschulen und Förderschulgruppen an Allgemeinen Schulen.

Ein Fachkräftemangel wird bundesweit beschrieben. Förderschullehrkräfte haben den höchsten Krankenstand unter den Pädagogen in Sachsen. Wie wird bei der begrenzten Anzahl ausgebildeter Sonderpädagoginnen mit den Herausforderungen der Inklusion umgegangen?

In Hessen zeigen sich Familienklassen als hochwirksames präventives Angebot in Grundschulen. In Thüringen wird das „Qualifizierungsprogramm-Reduzierung von Verhaltensauffälligkeiten“ stark nachgefragt. In Berlin werden berufliche Quereinsteiger qualifiziert und eingestellt. Auf der Berliner Fachtagung zur Kooperation von Schule und Jugendhilfe im März 2017 stellte Prof. Dr. Karsten Speck ausgewählte Befunde der Evaluation des Landesprogramms „Jugendsozialarbeit an Berliner Schulen“ vor. Die Ergebnisse bestätigen, dass das nunmehr zwölfjährige Programm einen wesentlichen Beitrag zum Ausbau einer verlässlichen und wirksamen Kooperation von Schule und Jugendhilfe vor Ort leistet. Bemerkenswerter Effekt der Jugendsozialarbeit an Schulen ist, dass die am Programm beteiligten Schulen fast zwölf Prozent mehr Schülerinnen und Schüler zum Mittleren Schulabschluss führen. Ebenso lassen sich positive Effekte zur Verminderung der Schuldistanz feststellen.

Systemische Ansätze für die Profilierung des Förderschwerpunkts Emotionale und soziale Entwicklung

In zwei intensiven Arbeitsblöcken wurde unter Leitung des eingeladenen Referenten Prof. Dr. Palmowski über „Berufliche Selbstreflexion“ diskutiert. Er stellte die Bedeutung von „Fachsprache“, „Strukturen“ und „Beziehungen“ heraus und mahnte, bezogen auf die Schülerinnen und Schüler im Förderschwerpunkt, weniger Kind-zentrierte Zuschreibungen vorzunehmen und mehr Umfeld-adressiert zu denken,  denn die rein administrative Zuschreibung eines Bedarfs berge noch keinen Ansatzpunkt für eine Förderung. Dieser ergebe sich nur unter Berücksichtigung des Kontextes, in dem betroffene Kinder leben und lernen.

Die Haltekraft von Schule kann erhöht werden, wenn Kontextveränderungen gewagt werden. Anregungen für Schulentwicklungsprozesse finden sich auf www.Blick-über-den-Zaun.de.  Im Verlauf der Diskussion wurde ein gemeinsames professionelles Selbstverständnis erarbeitet, das sich wie folgt beschreiben lässt:
Gelingender Unterricht beginnt mit gelingenden Beziehungen. Wir können Lernangebote machen, müssen die Entscheidung über die Annahme dieser Angebote akzeptieren und ggf. von Neuem beginnen. In diesem Sinne ist sonderpädagogische Professionalität Im Förderschwerpunkt ein „Probehandeln“, das trotz möglichen „Scheiterns“, nicht abbricht, sondern fortwährend neu ansetzt. Dabei gehört zum beruflichen Selbstverständnis die große Schnittmenge zu den Nachbardisziplinen und die Fähigkeit; interdisziplinäre Prozesse zu moderieren und Hierarchien zu überwinden.

Arbeit in Gruppen

In Gruppenarbeit wurde das vds-Positionspapier aktualisiert, und dem Bundesvorstand zur weiteren Bearbeitung vorgelegt.. Das Positionspapier soll in einem nächsten Schritt durch die „Blankenburger Erklärung 2019“ ergänzt werden und zwar durch die Verknüpfung der fachlichen Ziele ressourcenorientierten Standards.. Ein Entwurf der „Blankenburger Erklärung 2019“, die solche ressourcenorientierten Standards formuliert, wird an alle Tagungsteilnehmenden zur Diskussion und Verwendung in den Ländern versendet.
Eine weitere Arbeitsgruppe konzipierte eine Matrix, in der r erprobte Fördermaßnahmen und Praxisbeispiele aus den Bundesländern gesammelt und zusammengestellt wurden. Diese wird nach weiterer Bearbeitung allen zur Verfügung gestellt.

Eine dritte Gruppe beschäftigte sich mit der professionellen Gestaltung der Lerngegenstandsbeziehung im Unterricht und sammelte dazu Stichworte, die in die Weiterarbeit aufgenommen werden.

Praxisbeispiel

Zum Abschluss der Tagung stellten Janos Tsalikis, Gabriele Pflumm und Stefanie Vietheer vom ReBBZ Hamburg-Winterhude. das systemische Beratungskonzept PUNK.T vor. Damit versuchen die ReBBZ Veränderungsprozesse in Schulen anzuregen, die deren Haltekraft stärken sollen. PUNK.T meint: „Professionelle Umsetzung neuer Kooperation im Team“ und nutzt Erfahrungen aus der Organisationsberatung. Es setzt an den Veränderungswünschen vor Ort an, ist zeitlich begrenzt und verbindlich. Am Beispiel einer Winterhuder Grundschule wurde deutlich gemacht, wie durch PUNK.T schulische Selbstreflexion angeregt, mit Veränderungsschritten verknüpft und umgesetzt wird. So können Problemkonstellationen bewältigt werden und kontinuierliche interdisziplinäre Arbeitsbeziehungen wirksam sein. Die Konzeptvorstellung mündete in Folgeeinladungen an die drei Vortragenden in andere Bundesländer.

 

Das nächste Referententreffen wird vom 9.5. bis 11.5.2019 wieder im Kloster Michaelstein stattfinden.

Christiane Mettlau

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