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Bericht aus dem Referat Geistige Entwicklung

Vom 26. bis 28. April 2018 haben die Landesreferentinnen und -referenten des Referats Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung in Erfurt getagt. Martin Degner zeichnete für die Organisation der Tagungsräume, das Rahmenprogramm und für die Versorgung im Christophoruswerk während der Tagung verantwortlich.

Im Rahmen des Austauschs über den aktuellen Stand der sonderpädagogischen Förderung im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung in den einzelnen Bundesländern wurden einige Themen als zurzeit besonders relevant identifiziert, diskutiert und folgende Aussagen bzw. Konsequenzen aufgestellt:

  • In allen Bundesländern kommt es zunehmend zu personellen Engpässen bei der Versorgung mit voll ausgebildeten Sonderschullehrkräften. Diese personellen Engpässe dürfen aber nicht zu dauerhaften Abstrichen in der Qualifizierung des Personals führen. Für die gegebenenfalls notwendige Beschäftigung von Quer- oder Seiteneinsteigern müssen sowohl kurzfristig intensive als auch im Anschluss über längere Zeit begleitende umfassende Angebote zur Qualifizierung vorgehalten werden.
  • Das Referat Geistige Entwicklung konstatiert, dass im Kontext der aktuellen und zukünftigen engen Personalsituation Tendenzen erkennbar sind, ein sinnvolles Personalkonzept für die Bildung von Schülerinnen und Schüler mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung zu vernachlässigen. Eine stimmige Personalausstattung berücksichtigt aus Sicht der Landesreferentinnen und -referenten die folgenden aufeinander aufbauenden Personalressourcen:

* Alle Schülerinnen und Schüler, unabhängig von Beeinträchtigungen, haben das uneingeschränkt gleiche Recht auf voll ausgebildete Lehrkräfte in jeder Unterrichtsstunde.

* Ergänzend sind für die Bildung Pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unterrichtsbegleitender Funktion in permanenter weiterer Besetzung erforderlich.

* Darüber hinaus ist entsprechend der individuellen Bildungssituationen therapeutisches Personal notwendig.

* Weiterhin werden für eine angemessene Bildung medizinisch und pflegerisch ausgebildete Assistenzkräfte benötigt, die zum Personalstamm der entsprechenden Förderzentren oder Schulen gehören.

* Im Sinne von Eingliederungshilfe ist zusätzliches Personal erforderlich (siehe Positionspapier Schulbegleitung vds), das prioritär den Förderzentren/Schulen über geeignete Poollösungen langfristig zur Verfügung steht.

* An das Förderzentrum/die Schule angegliedert gibt es Schulsozialarbeit.

  • Weiterhin scheint in fast allen Bundesländern die Anzahl der Schülerinnen und Schüler mit Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung überproportional stark zur Einwohnerzahl anzusteigen.
  • Die aktuelle Debatte um eine Bremer Schulleiterin, die dagegen klagt, an ihrem Gymnasium auch Schüler mit dem Förderschwerpunkt "Wahrnehmung und Entwicklung" (Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung) wird aufgenommen und besprochen. Die Landesreferentinnen und -referenten kommen in der Diskussion um diese Situation zu den folgenden Kernaussagen:

-    In einem inklusiven Schulsystem kann im Grundsatz keine Schulart ausgeschlossen werden.

-    Es wird auf Artikel 7 UN-BRK verwiesen, in dem es unter anderem heißt:

(1)  Die Vertragsstaaten treffen alle erforderlichen Maßnahmen, um zu gewährleisten, dass Kinder mit  Behinderungen gleichberechtigt mit anderen Kindern alle Menschenrechte und Grundfreiheiten genießen können.

(2)  Bei allen Maßnahmen, die Kinder mit Behinderungen betreffen, ist das Wohl des Kindes ein Gesichtspunkt, der vorrangig zu berücksichtigen ist.

-    Aus Sicht der Landesreferentinnen und -referenten kann als ein erstes Fazit festgehalten werden, dass für individuell passende Bildungsangebote ohne Vorbehalt die notwendigen Ressourcen (fachlich, räumlich, sachlich, personell) bereitgestellt sein müssen.

  • Die Landesreferentinnen und -referenten stellen fest, dass es sukzessiv mehr Kinder und Jugendliche mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung gibt, die kaum (nur stundenweise) oder gar nicht mehr beschult werden. In den überwiegenden Fällen sind dies Schülerinnen und Schüler, die durch ihr individuelles Verhalten eine extreme Belastung für Unterrichtssituationen bzw. für eine Schulgemeinschaft darstellen. Dies gilt im besonderen Maße für inklusive Settings. Dazu werden folgende Statements festgehalten:

-    Alle Schülerinnen und Schüler haben ein uneingeschränktes Recht auf voll umfassende Bildung.

-    In allen Bildungseinrichtungen müssen im Einzelfall geeignete Maßnahmen bereit gestellt und akzeptiert werden, die eine möglichst umfassende Beschulung ermöglichen.

-    Im Rahmen einer geeigneten Diagnostik (Assessment-Verfahren) werden angemessene Maßnahmen ermittelt, die zu einer sukzessiven Integration dieser Schülerinnen oder Schüler führen.

-    Maßnahmen mit nur stundenweiser Beschulung oder gar keiner Beschulung in einer schulischen Einrichtung können nur ein absoluter Ausnahmefall sein und müssen temporär stark limitiert sein.

-    Für die Beschulung solcher Schülerinnen und Schüler sind in ausreichendem Umfang entsprechend geeignete Räumlichkeiten, Materialien und Personal zur Verfügung zu stellen.

-    Maßnahmen zur Integration dieser Schülerinnen und Schüler sind systemisch anzulegen.

-    Schülerinnen und Schüler mit Doppeldiagnosen (Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung und psychische Erkrankungen) müssen umgehend eine entsprechende medizinische psychologisch-psychiatrische Unterstützung erfahren.

-    Eine Vernetzung über eine an der Schule/am Förderzentrum angedockte Schulsozialarbeit ist erforderlich.

  • Medien können vielfältige neue Handlungsmöglichkeiten bieten, zu einer bedeutend höheren sozialen Unabhängigkeit beitragen und damit die Lebensqualität von Menschen mit geistiger Behinderung umfassend verbessern. Diese Medien können zukünftig einen erheblichen Beitrag zu einem deutlich gesteigerten Erleben von mehr Autonomie und Unabhängigkeit und somit von mehr Teilhabe und Inklusion leisten.

Ein weiterer Tagesordnungspunkt befasste sich mit Überlegungen zu Referenten zum Thema „Digitale Medien“ für den Sonderpädagogischen Kongress 2019. Die zusammengestellte Liste mit Beispielen zu Themen und möglichen Referenten wird dem Bundesvorstand zugestellt.

Zu den Aufgaben und der Rolle von Förderschulen oder Förderzentren mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung in Bezug auf inklusive Maßnahmen wurde am Beispiel der Schule Mühlhausen in Erfurt ein Fachaustausch der Landesreferenten durchgeführt. In einem inklusiven Bildungssystem müssen Förderzentren oder Schulen mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung auch Verantwortung und Aufgaben bezüglich des gesamten Bildungsgeschehens in der Region übernehmen. Um dieser Rolle gerecht zu werden ergeben sich unter anderem folgende Notwendigkeiten:

  • Es gibt eine Vernetzung der regionalen Förderschule / des regionalen Förderzentrums mit den operativ mit Schülerinnen und Schülern mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung arbeitenden Bildungseinrichtungen und Personen
  • Die Förderschulen oder Förderzentren mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung sind in der Region in den fachrichtungsbezogenen Austausch eingebunden
  • Für die Vernetzungsarbeit gibt es angemessene Ressourcen
  • Die Förderschulen oder Förderzentren mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung entwickeln, kommunizieren und multiplizieren aktuelle fachrichtungsspezifische Konzepte in der Region.
  • Die Förderschulen oder Förderzentren sind vorbehaltlos Anlaufstelle für alle Schülerinnen und Schüler mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung und deren Familien in der Region.
  • Die Förderschulen oder Förderzentren mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung stellen einen notwendigen Teilaspekt eines inklusiven Bildungssystems dar
  • In der 2. Phase der Ausbildung zur Fachrichtung Geistige Entwicklung gibt es (auch) einen Einsatz in einer Förderschule oder einem Förderzentrum Geistige Entwicklung

Bezüglich des Übergangs von der Schule in das nachschulische Leben mit der Vorbereitung auf das Berufsleben in Zusammenhang mit den sich zukünftig verändernden Rahmenbedingungen entsprechend des Bundesteilhabegesetzes kommen die Landesreferenten zu den nachstehenden Einschätzungen:

Durch das Bundesteilhabegesetz wird sich zunehmend die Landschaft der Arbeitsangebote für Menschen mit sogenannter „geistiger Behinderung“ verändern. So wird es im nachschulischen Bereich voraussichtlich zukünftig mehr Anbieter für Bildungsangebote geben; und eine Vorbereitung auf einen solchen „Arbeitsmarkt“ muss dementsprechend „breiter“ gedacht werden.

Im Rahmen eines zu erwartenden „Wettbewerbsdrucks“ der Werkstätten untereinander stellt sich die Frage, wo Schülerinnen und Schüler mit stark eingeschränkten Kompetenzen bzw. mit höherem Unterstützungsbedarf gute und sinnvolle Angebote erhalten und inwiefern Berufswege eröffnet werden, die lebenslange Bildung ermöglichen/befördern.

Es ist weiterhin als negativ zu konstatieren, dass schon jetzt die vielen unterschiedlichen Mitspieler und Angebote zu den Berufswegen für Schülerinnen und Schüler mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung kaum transparent sind. Der nachschulische Bereich als Zukunftsperspektive stellt sich zumindest bezüglich des Bereichs „Arbeit“ eher diffus für die Schülerinnen und Schüler dar.

Im Folgenden finden sich Überlegungen (die nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben), was für einen angemessenen schulischen Bildungsprozess zur Vorbereitung auf das nachschulische Leben berücksichtigt werden sollte:

  • Bildung in den letzten drei Schulbesuchsjahren ist ausgerichtet auf die Vorbereitung auf alle Aspekte des nachschulischen Lebens.
  • Es gibt mit Start in das Schulleben einen durchgehenden Förderplanungsprozess, der an den subjektiven Perspektiven der Schülerinnen und Schüler ausgerichtet ist und der in Kompetenzen zur persönlichen Zukunftsplanung mündet.
  • Es gibt einen festgelegten Ablauf zur beruflichen Orientierung mit definierten zeitlichen und inhaltlichen Meilensteinen, die zur Kompetenzerweiterung der Schülerinnen und Schüler beitragen, um am Arbeits- und Erwerbsleben teilzuhaben.
  • Es gibt ein Verfahren zur Potentialanalyse für die Einschätzung der individuellen Kompetenzen (z.B. Hamet E).
  • Es gibt mehrere Praktika mit zunehmendem Umfang und dem Anspruch eines individuellen Zuschnitts.
  • Es gibt Berufsfelderkundungen mittels mehrerer Praxistage.
  • In den letzten zwei bis drei Schulbesuchsjahren findet eine Art Berufsorientierungsseminar mit externen Anbietern für die Schülerinnen und Schüler statt.
  • Es gibt Trainingsbausteine mit außerschulischem Personal zu wichtigen Schlüsselqualifikationen bezgl. der Vorbereitung auf die Arbeitswelt (Bsp. TASK-Modul NRW).
  • Es gibt begleitende Elternseminare.
  • Zusätzlich begleitend für den Übergang von der Schule in das nachschulische Leben gibt es ein Case-Management (z.B. auch Lotsen).

Bezüglich der Bearbeitung des Antrags 31 der Hauptversammlung Erfurt zur Angliederung von Schulsozialarbeit an Förderzentren stellt das Bundesreferat Geistige Entwicklung die folgenden Überlegungen für einen Briefentwurf zusammen:

  • Ausgangslage:
    In den Förderschulen oder Förderzentren werden Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichsten Beeinträchtigungen mit diversen Förderschwerpunkten unterrichtet und erzogen. Viele dieser Kinder und Jugendlichen leben mit ihren Familien in den Sozialräumen, die als „soziale Brennpunkte“ bezeichnet werden. Viele Familien sind in irgendeiner Form Leistungsbezieher des SGB XII oder II und die Eltern bzw. Erziehungsberechtigten häufig nicht erwerbstätig, was eine langfristige Perspektive erschwert. Zudem hat eine große Anzahl der Familien einen Migrationshintergrund. Obwohl viele Kinder bereits die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, weisen viele der Eltern noch Verständigungsprobleme in der deutschen Sprache auf oder (deutsch) nicht lesen und schreiben. An diesen Bedingungen anknüpfend ergeben sich aus dem Aufgabenprofil der allgemeinen Schulsozialarbeit heraus notwendige Aufgabenfelder für eine Schulsozialarbeit, die an die Förderzentren angedockt ist. Um die im Folgenden beschriebenen Aufgabenfelder angemessen erfüllen zu können müssen die Mitarbeiter der Schulsozialarbeit rechtlich als Mitglieder des Schulkollegiums eingebunden sein.
  • Aufgabenfelder:
  • Mitwirkung bei der Entwicklung, Umsetzung und Evaluation von systemisch angelegten Förderkonzepten und Angeboten zur Vorbeugung, Vermeidung und Bewältigung von Lernschwierigkeiten, Lernstörungen und Verhaltensstörungen sowie zu besonderen Begabungen.
  • Mitwirkung bei der Gestaltung des Übergangs von der Schule in den Beruf.
  • sozialpädagogische Hilfen für Schülerinnen und Schüler, in der Regel in Form offener Freizeitangebote oder Projektarbeit.
  • in Einzelfällen spezielle Hilfen für Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und deren Familien in Kooperation mit dem örtlichen Träger der oÖffentlichen Jugendhilfe und mit anderen auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendhilfe tätigen Trägern wie z. B. der Eingliederungshilfe.
  • die Entfaltungsmöglichkeiten der Kinder und Jugendlichen im schulischen und außerschulischen Kontext.
  • Gemeinwesenarbeit für Kinder und Jugendliche und mit ihnen.
  • Entwicklung spezieller Maßnahmen zur Verbesserung der sozialen Kompetenz von Schülerinnen und Schülern.

Schulsozialarbeit wirkt dabei je nach Sachlage und Bedarf präventiv und/oder intervenierend.

Die nächste Tagung der Landesreferentinnen und -referenten für den Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung ist in Hannover/Niedersachsen geplant. Gastgeberin ist dann Dr. Katja Schröder. Bisher sind folgende Arbeitsschwerpunkte anvisiert:

  • Überlegungen zum Datenschutz im Kontext von Bildung für Menschen mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung
  • Rahmenbedingungen entsprechend des Bundesteilhabegesetzes bezüglich der Bildung für Menschen mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung
  • Positionierung zur Personalnot und den daraus resultierenden Qualifizierungsmaßnahmen von bislang nicht in der Fachrichtung Geistige Entwicklung voll ausgebildeten Sonderpädagogen 

 

Hendrik Reimers

 

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