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Lernen von Nord nach Süd: Gute Bildungschancen in allen Lebenslagen verwirklichen!

Rund 200 Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen aus Praxis und Forschung kamen am 14. und 15. September 2018 an der Universität Würzburg zum Bundesfachkongress Lernen des Verbands Sonderpädagogik zusammen, um aktuelle Herausforderungen des Förderschwerpunkts Lernen zu diskutieren. Im Zentrum stand die Forderung, bundesweit Bedingungen für gute Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen in sozial benachteiligten Lebenslagen zu schaffen.

Den Kongress, der in Kooperation mit dem Grundschulverband und mit Unterstützung durch das Referat Lernen des vds organisiert wurde, eröffnete erstmals eine musikalische Darbietung: Mahmout Alsalloum, ein aus Syrien stammender Jugendlicher, der seit drei Jahren in Deutschland lebt und sich seit ca. eineinhalb Jahren anhand von Internet-Videos das Klavierspielen beibringt. Nach diesem Einstieg begrüßten die Bundesvorsitzende Dr. Angela Ehlers und der Bundesreferent Lernen Prof. Dr. Stephan Ellinger und führten jeweils kurz in den thematischen Rahmen der Veranstaltung ein.

Zwei Hauptvorträge rahmten den Kongress inhaltlich und eröffneten jeweils einen der beiden Kongresstage. Insgesamt 24 Workshops und Seminare boten die Möglichkeit, sich intensiv mit Themen auf den drei Ebenen

  • Politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen
  • Konzepte zur Schul- und Organisationsentwicklung
  • Lernprozesse in der Praxis.

auseinanderzusetzen.

Hauptvortrag I: Soziale Benachteiligung und Schulerfolg

Im Mittelpunkt des ersten Hauptvortrags, gehalten von Prof. em. Dr. Gotthilf G. Hiller, stand die Frage, ob oder wie sich das Wissen um den Zusammenhang von Bildungserfolg und Herkunft im beruflichen Alltag und im Handeln von Fachleuten und Ehrenamtlichen auswirkt. Polarisierend und zu intensiven, auch emotionalen Diskussionen anregend, führte Prof. Hiller hierzu unterschiedliche Überlegungen und Beispiele aus. Ausgangspunkt dafür ist die These, dass für eine Weiterentwicklung von Schulen auf vier Ebenen notwendig sei:

  • „Um Heterogenität überzeugend zu bearbeiten, brauchen wir regionale Bildungslandschaften, nicht nur exzellente Einzelschulen.
  • Wir brauchen Curricula (Lehr- und Lerninhalte) die Kinder- und Jugendliche befähigen, in jenen Verhältnissen zu bestehen, die sie nicht ändern können, und die ihnen Kraft, Mut, Wissen und Können einstiften, um schwierige Lebensphasen zu bewältigen.
  • Wir müssen die schulischen Rituale und Selbstverständlichkeiten (also die Lehr-Lernmethoden, die Formen der Leistungsmessung und -bewertung sowie das Schulleben und die Muster des täglichen Umgangs, einschließlich der Sanktionsverfahren) immer wieder neu daraufhin prüfen, wer durch sie beschämt, bloßgestellt und ausgegrenzt wird.
  • Und nicht zuletzt braucht das in Schulen tätige Personal ein gerüttelt Maß an Humor und Selbstdistanz, um sich selbst klar zu machen, dass ein für Kinder und Jugendliche bekömmlicher Unterricht und Umgang sehr viel mehr mit sozialem und kulturellem Wissen, mit trainierten Techniken und klarer Sprache, mit Geistesgegenwart und Witz als mit Gesinnung zu tun hat. Höhere Töchter und Söhne, die Lehrer geworden sind, tun gut daran nicht zu vergessen, dass sie eher Gefahr laufen, für Kinder aus den unteren sozialen Schichten zum Verhängnis zu werden, als dass sie es schaffen, für sie ein Segen zu sein.“ (zitiert aus vorliegendem Vortragsmanuskript)

Hauptvortrag II: Von Nord nach Süd – Ressourcensteuerung und De-Kategorisierung in den Bundesländern

Im zweiten Hauptvortrag stellte Dr. Christine Einhellinger die unterschiedlichen Entwicklungen in den Bundesländern hinsichtlich der Begriffsverwendungen, diagnostischen Kategorien sowie der Voraussetzungen für sonderpädagogische Bildungs-, Unterstützungs- und Beratungsangebote vor. Hier wurden, trotz gleicher Problem- und Lebenslagen der Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf im Bereich Lernen, regional sehr unterschiedliche Rahmenbedingungen, Zielsetzungen und Unterstützungen für eine inklusive Schulentwicklung sichtbar.

Kamingespräch

Im traditionellen Kamingespräch am ersten Kongressabend gelang ein intensiver Austausch zwischen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowie den Podiumsgästen Prof. Dr. Gabriele Ricken (Universität Hamburg), Prof. Dr. Conny Melzer (Schriftleitung Zeitschrift für Heilpädagogik) und Dr. Angela Ehlers (Bundesvorsitzende). Anknüpfend an die Thematik des Kongresses ergaben sich aus den vielschichtigen Diskussionen anregende Impulse für die Weiterarbeit im Förderschwerpunkt Lernen, sowohl hinsichtlich der Arbeit im Bundesreferat als auch auf der Ebene der Landesverbände.

Als abschließendes Fazit kann der Verband Sonderpädagogik einen klaren Auftrag für die bildungspolitische Arbeit ableiten, so die Bundesvorsitzende: „Wir sehen uns in der Pflicht, bei allen Bemühungen um die Entwicklung einer inklusiven Schule an allen Lernorten gerade die Schülerinnen und Schüler aus benachteiligenden Lebensverhältnissen in den Blick zu nehmen und zur Schaffung möglichst guter Bildungschancen in allen – auch in schwierigen – Lebenslagen beizutragen.“

David Scheer

Prof. em. Dr. Gotthilf G. Hiller, Bundesvorsitzende Dr. Angela Ehlers

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