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Bericht aus dem Referat Aus-, Fort- und Weiterbildung
7.-9. Mai 2018 in Hannover

Vom 07. bis 09. Mai 2018 fand das Treffen der Landesreferentinnen und Landesreferenten für Aus-,Fort- und Weiterbildung am Institut für Sonderpädagogik der Leibniz-Universität Hannover statt, an dem zwölf Bundesländer vertreten waren.

Die Arbeitstagung, die unter dem Motto  „PEP- Partizipierend-Effektiv-Pragmatisch” stand, umfasste drei Schwerpunkte. 

Länderübergreifender Austausch und Einschätzung zu spezifischen Bereichen der  Lehrerbildung im Lehramtstyp 6 Sonderpädagogik
Als Grundlage für einen vergleichenden Überblick zur länderübergreifenden und länderspezifischen Entwicklung in allen drei Phasen der Lehrerbildung des Lehramts Sonderpädagogik und für einen fachlichen Diskurs zu zentralen Themenbereichen und Fragestellungen diente die Synopse der kriteriengeleiteten Mastermatrix. Zur kompakten grafisch-visuellen Darstellung wurde das impulssetzende Format der Poster-Präsensation erprobt, das zusätzlich Gelegenheit zum informellen Austausch unter den Teilnehmenden bot. 

Als gemeinsamer Nenner für alle vertretenden Bundesländer können folgende Einschätzungen geltend gemacht werden:
Der Umsetzungsprozess der Inklusion im schulischen Kontext kann bei allen durchaus  positiven  Ansätzen  durch die enorm zunehmende Problematik des dramatisch ansteigenden  Lehrkräftemangels  mit entsprechenden Ausprägungen als geschwächt und stagnierend skizziert  werden. Über alle Bundesländer  hinweg ist der Lehrkräftemangel, aktuell bezogen insbesondere auf die Lehrämter Sonderpädagogik und Grundschule, in der Praxis durch die stetige Zunahme des Anteils nicht ausgebildeter Lehrkräfte und Seiteneinsteiger in Schulen („Nicht vor jeder Klasse steht eine Lehrkraft, sondern vor jeder  Klasse steht eine Person.”) gekennzeichnet.

In Zukunft dürfte es auch zu einer deutlichen Mangelsituation im Bereich des Lehramts für die Sekundarstufe I kommen. 

Auf ministerieller Ebene erscheint das bildungspolitische Agieren vor dem Hintergrund der aktuellen personellen, strukturellen und konzeptionellen Herausforderungen durch Rat- und  Hilflosigkeit als Ausdruck von Überforderungen und teilweise nicht durchgängig abgestimmtem  Vorgehen geprägt zu sein. Verwaltungsreformen, u.a. Neugründungen von Instituten zur Qualitätssicherung nach dem Vorbild von Hamburg, werden u.a. in Baden-Württemberg und Bremen vorgenommen, um den qualitativen Bildungsanforderungen gerecht zu werden. 

Im Widerspruch zum Fachkräftemangel sind weiterhin unzureichende Ausbildungskapazitäten und -standorte nicht nur bei den sog. „kleinen” Fachrichtungen (Sehen, Hören, Körperlich-motorische Entwicklung) zu verzeichnen.

In einzelnen Bundesländern wurden Studienstätten für Sonderpädagogik neu gegründet bzw. sind Neugründungen in Planung, z.B. in den vergangenen Jahren in NRW (Wuppertal und Paderborn) sowie in Regensburg. An diesen Studienstätten werden jedoch nur die Fachrichtungen Lernen und Emotionale und soziale Entwicklung ausgebildet. Die „kleinen” Fachrichtungen wie Sehen, Hören und Körperlich-motorische Entwicklung wurden bislang bei keiner neu gegründeten Studienstätte mit entsprechenden Lehrstühlen berücksichtigt. Die Modellrechnung der KMK von Juni 2015 weist für alle Bundesländer im Zeitraum von 2014 bis 2025 einen deutlichen Mangel im Lehramt Sonderpädagogik aus. Deshalb ist eine Kapazitätserhöhung von Ausbildungsplätzen für Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen sowohl in der ersten als auch in der zweiten Phase der Lehrerbildung mit besonderer Berücksichtigung der vorab genannten Fachrichtungen unabdingbar.

Des Weiteren wurden folgende Aspekte der drei Phasen der Lehrerbildung diskutiert:
Mit Blick auf die Qualität der universitären Ausbildung wurden Modelle zur Begleitung der Studierenden im Praxissemester vorgestellt und diskutiert. Hierbei wurde die föderale Vielfalt hinsichtlich der weiterhin bestehenden unterschiedlichen akademischen Abschlüsse verdeutlicht. Als positiv und zielführend für die unterrichtlichen und diagnostischen Kompetenzen für angehende Sonderpädagoginnen und -pädagogen wurden zeitlich breiter angelegte Praxisphasen als sinnvoll eingestuft.

Durch den einerseits von der BRK eingeleiteten bildungspolitischen Strukturwandel, Auflösung  von Förderschulen, Sonderpädagoginnen und -pädagogen als gleichberechtigte Mitglieder der Kollegien an Allgemeinen Schulen, Veränderungen der Studiengänge in Richtung Inklusionspädagogik), anderseits die teilweise unzureichenden schulischen Rahmenbedingungen für die Bildung, Erziehung und Förderung von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf im Gemeinsamen Unterricht entsteht ein zunehmender Legitimationsdruck auf die sonderpädagogischen Lehrkräfte, sodass diese Berufsgruppe u.a. auf Identifikations- und Abgrenzungsprobleme stößt. Dazu tragen definitorische Uneindeutigkeiten bei der Unterscheidung der Kompetenz- und Aufgabenbereiche zwischen Sonderpädagogen, Inklusionspädagogen und Lehrkräften mit sonderpädagogischen Kompetenzen maßgeblich bei.

Ein weiterer Diskussionspunkt war, das Spannungsfeld zwischen der Expertise der Fachdidaktik und der sonderpädagogischen Expertise in den Förderschwerpunkten im Gemeinsamen Unterricht auszuloten und zu erörtern. In diesem Zusammenhang wurde eine zusätzliche Problemstellung für Sonderpädagogen aus einigen Bundesländern (u.a. Sachsen-Anhalt,  Niedersachsen) deutlich, wenn diese nicht über die Fakultas des Fachunterrichts an Grund- und  weiterführenden Schulen verfügen. 

Mit Blick auf die dritte Phase der Lehrerbildung wurden die Fortbildungsangebote kritisch betrachtet. Dabei zeichnet sich eine besondere Nachfrage zu folgenden Themenschwerpunkten ab: 

  • Autismus 
  • Didaktisch-methodische Ansätze im Förderschwerpunkt Emotionale und soziale Entwicklung  (Konzept  „Ausgleichsklassen”) 

Fachaustausch zwischen Vertreterinnen und Vertretern der Leibniz-Universität,  Hannover, und des vds-Landesverbands Niedersachsen 
Im Rahmen eines Fachaustauschs mit zwei Verteterinnen des Instituts für Sonderpädagogik der Leibniz-Universität informierte Prof. Claudia Schomaker über den BA/MA-Studiengang Sonderpädagogik im Kontext des Sachunterrichts und der inklusiven Didaktik. Als deutlichen Widerspruch erlebt Prof. Schomaker die Tatsache, dass Sachunterricht als Hauptfach in Förder-  und Grundschule gilt, Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen bislang jedoch noch nicht über eine Lehramtsberechtigung in der inklusiven Grundschule verfügen. 

Prof. Rolf Werning berichtete über die notwendige Ausweitung der Studienkapazität und die daraus erfolgte Etablierung von fünf neuen Professuren, um der Verdoppelung der Zahl der Studierenden im Lehramt Sonderpädagogik entsprechen zu können. Vor dem Hintergrund der aktuellen bildungspolitischen und gesellschaftlichen Entwicklungen erörterte Prof. Werning im Weiteren relevante Herausforderungen an das Berufsbild der Sonder-/ Förderpädagogen. Seiner Einschätzung nach besteht die große Gefahr der Deprofessionalisierung der Sonderpädagogik. Als Grund führt er an, dass Sonderpädagogen nur eingeschränkt ihre Expertise wirksam im Unterricht und für die individuelle Unterstützung von Kindern und Jugendlichen  einsetzen können, wenn die strukturellen Rahmenbedingungen ein gemeinsam abgestimmtes Interagieren mit anderen Professionen im Bildungskontext erschweren oder unmöglich machen.

Möglichkeiten des zukünftigen Berufsbilds und Einsatzes von Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen, die in der öffentlichen Diskussion immer wieder formuliert werden, wurden umrissen. Zu diesen wäre zusätzlich eine Ausbildung mit Schwerpunkten auf der Fachberatung (u.a. der „kleinen” Förderschwerpunkte) sowie Bildungs-/Schulmanagement vorstellbar.

Prof. Werning plädierte entschieden dafür, dass Sonderpädagogen vorrangig Lehrkräfte bleiben müssen und neben der sonderpädagogischen eine Fachexpertise in Unterrichtsfächern benötigen. Unmissverständlich stellte er klar, dass es keine Gleichsetzung von Sonderpädagogen und Inklusionspädagogen geben kann. In Forschung und Lehre der Sonderpädagogik sollte aus seiner Sicht stärker ein vernetzbares  Überblickswissen zu den Förderschwerpunkten Lernen – Sprache – Emotionale und soziale  Entwicklung für alle Sonderpädagogen vermittelt und etabliert werden. Vor dem Hintergrund der teilweise sich verändernden Unterstützungs- und Förderbedarfe bei Kindern und Jugendlichen regte er eine „vorurteilsbewusste” Diskussion mit unterschiedlichen Akteuren und  Verbänden zur Reformierung der Lehramtsausbildung im Allgemeinen und Spezifischen (LATyp  6) an. Thematisch könne es dabei zum Beispiel um eine Neuordnung der Förderschwerpunkte, fachdidaktische Fakultas für Sonderpädagogen an Allgemeinen Schulen sowie den Fokus auf formativer Diagnostik gehen. 

Im Gespräch mit dem Landesvorsitzenden des vds Niedersachsen, Reinhard Fricke, wurden die Landesreferentinnen und -referenten über aktuelle Entwicklungen in Niedersachsen informiert. 

Sonderpädagogik im bildungspolitischen Kontext der Inklusion in Niedersachsen ordnete Reinhard Fricke zwischen Abschaffung und Renaissance der Förderschulen (Förderschwerpunkt Lernen) ein. Welche mögliche Neuausrichtung dem Berufsbild der Sonderpädagogen bevorsteht, spiegelt sich u. a. im Thema des von der Landesregierung in Auftrag gegebenen Gutachtens zur Selbstwirksamkeit von Grundschul- und Sonderpädagogen wider.

Der Landesvorsitzende begrüßte die Verdoppelung der Ausbildungskapazitäten an den  Studienstätten Hannover und Oldenburg, verwies allerdings auf die noch nicht vorgenommene Ressourcenanpassung in der zweiten Phase der Lehrerbildung.  Zukunftsaussichten für das niedersächsische Bildungssystem skizzierte Reinhard Fricke trotz guter finanzieller Ressourcenausstattung eher verhalten skeptisch und begründete dies damit, dass vor dem Hintergrund ausgeprägter heterogener Strukturen und Rahmenbedingungen innerhalb der vier Regionalabteilungen aus der Perspektive des vds die politisch Verantwortlichen keine überzeugenden, tragfähigen und nachhaltigen Bildungskonzepte vorweisen  könnten.

Referats- und verbandsbezogene Perspektiven zur Weiterarbeit im Referat 

Zum Antrag 43 der Hauptversammlung 2017 „Universitäre Ausrichtung berufsqualifizierender  sonderpädagogischer Weiterbildungsmaßnahmen“ wurde ein fragengeleitetes Kriterienraster entworfen, das dem Bundesausschuss termingerecht vorgelegt wird. Aus den intensiven und impulssetzenden Diskussionen sowie dem fachlichen Austausch mit Vertretern der Leibniz-Universität ergeben sich für das Referat folgende Konsequenzen für die Weiterarbeit und Weiterentwicklung innerhalb des vds:

  • Überarbeitung des Positionspapiers „Berufsbild der Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen  im inklusiven Bildungssystem“ 
    Beteiligung des Referats AFW bei zukünftigen Fachgesprächen „Quo vadis Sonderpädagogik”
  • Vorbereitung und Durchführung eines bundesweiten Fachkongresses zum Berufsbild  Sonderpädagogik  im inklusiven Bildungssystem in 2019
  • Mitgestaltung eines Themenhefts der Zeitschrift für Heilpädagogik zum Berufsbild Sonderpädagogik.

Die nächste Arbeitstagung findet im Mai 2019 in Wittenberg, Sachsen-Anhalt, statt.

Sibylle Roehr 

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