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Autismus-Spektrum verstehen und pädagogische Beziehungen sicherstellen
Bundesfachkongress in Hannover

Vom 22. bis 23. März 2019 fand an der Leibniz-Universität Hannover der Bundesfachkongress Autismus des Verbands Sonderpädagogik statt. Gut 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nutzten den Kongress, um sich über aktuelle Entwicklungen und pädagogische Handlungsmöglichkeiten im Bereich des Autismus-Spektrums zu informieren.

Den Kongress eröffnete – nach einer Begrüßung durch die Bundesvorsitzende Dr. Angela Ehlers sowie Prof. Bettina Lindmeier, stellvertretende Direktorin des Instituts für Sonderpädagogik der Universität Hannover – Prof. Ludger Tebartz van Elst (Universitätsklinikum Freiburg) mit einem Hauptvortrag zum Thema „Autismus im schulischen Alltag“. In seinem Vortrag gab Prof. Tebartz van Elst zunächst einen einführenden Überblick zum Autismus-Spektrum und zeigte aktuelle Diskussionen vor allem hinsichtlich der Frage auf, ob es sich beim Autismus-Spektrum um eine Krankheit, eine Störung oder um eine Normvariante handelt. Dabei wurde deutlich, dass eine Pathologisierung von Menschen im Autismus-Spektrum nicht zielführend ist. Vielmehr geht es darum, dass das Autismus-Spektrum ein Teil der Persönlichkeitsstruktur des einzelnen Menschen ist bzw. sich auf diese auswirkt. Aufgrund von Missverständnissen dieser Struktur durch andere Menschen kann es im Alltag zu Konflikten, Ablehnung, Ausgrenzung, Mobbing etc. kommen, die sich wiederum auf aktuelle Zustände der Person auswirken (Erregungszustände, Psychosen, Depressionen etc.) können. Ein Nicht-Verstehen bzw. Nicht-Wissen von Lehrkräften, Eltern oder anderen Bezugspersonen hinsichtlich der besonderen Strukturen der Schülerinnen und Schüler im Autismus-Spektrum wiederum führt dazu, dass solche Zustände häufig nicht erkannt oder gar fehlinterpretiert werden, so Prof. Tebartz van Elst. Anhand konkreter Beispiele aus dem klinischen Alltag zeigte er auf, wie Lehrkräfte diese Zusammenhänge zwischen Strukturen, Problemen und Zuständen erkennen und Konsequenzen daraus ableiten können, um bei der pädagogischen Begleitung problematische Kreisläufe zu durchbrechen. Auch verwies er auf die
Notwendigkeit, die mit Schülerinnen und Schülern im Autismus-Spektrum wie eine Standardsituation zu trainieren – auch in der Lehrerbildung. Zum Abschluss appellierte er an alle Beteiligten, dass im Mittelpunkt pädagogisch-therapeutischer Unterstützung stehen müsse, Strategien zur erfolgreichen Bewältigung des Alltags und sozialer Situationen zu entwickeln und einzuüben – und nicht, autistisch bedingte Persönlichkeitsstrukturen „wegzutherapieren“.

Unter dem Titel „Bindung und Autismus – Eine Kontradiktion?“ beleuchtete Prof. em. Peter Rödler (Universität Koblenz-Landau) das Kongressthema aus der Perspektive pädagogischer Beziehungen und einer inklusionsorientierten Pädagogik. Dabei fragte Prof. Rödler zunächst, was eigentlich Inklusion im Zusammenhang mit Autismus heiße. Ausgehend von der Darstellung anthropologischer Grundlagen zeigte er auf, dass sich soziale Beziehungen in einem bestimmten Sprach- und Möglichkeitsraum abspielen, sodass sich für jeden Menschen spezifische bio-psycho-soziale Gefüge ergeben. Autismus als Folge der Dysfunktion des Sprachraums stelle somit eine spezifische Herausforderung für die Beziehung als kognitiven Prozess des gemeinsamen In-und-zur-Welt-Seins dar. Auf dieser Basis führte Prof. Rödler aus, wie die Reflexion über Autismus eine anthropologische, erkenntnistheoretische und methodische Grundlage der Arbeit mit allen Menschen bieten könne. Um autistisches Verhalten verstehen zu können, sei es notwendig, in Entwicklungsräume statt in Therapien zu investieren, Krisen als Chance sowie bedeutsame Gegenstände und Regeln als Orientierungshilfen zu erkennen sowie Methoden in ihrer spezifischen Bedeutung zu verstehen und innerhalb dieser Möglichkeitsräume einzusetzen.

Auch im Rahmen des Kamingesprächs am Freitagabend wurden die verschiedenen sich ergebenden Spannungsfelder kritisch diskutiert. An dieser Runde nahmen neben der Bundesvorsitzenden des vds als Podiumsgäste Bettina Lindmeier und Peter Rödler teil. Im Mittelpunkt der Tagung stand die Forderung nach Selbstbestimmung, Partizipation und Teilhabe aller Menschen im Autismus-Spektrum:
Der vds fordert eine Abkehr von der häufig noch dominierenden medizinischen Sichtweise und der damit verbundenen Pathologisierung der Menschen. Stattdessen müsse es darum gehen, so die Bundesvorsitzende Dr. Angela Ehlers, in einer pädagogischen Begleitung auf Augenhöhe die selbstbestimmte Teilhabe und Partizipation zu pflegen. Dafür bedürfe es vor Ort in den Schulen und weiteren Bildungseinrichtungen neben einem Bewusstsein für die
besonderen Belange der Kinder und Jugendlichen im Autismus-Spektrum und einer verlässlichen personellen Ausstattung vor allem eines multiprofessionellen Netzwerks, das an der eigenen Expertise der Menschen im Autismus-Spektrum ansetze.
Ein Aspekt wurde von den Teilnehmenden besonders positiv herausgestellt: im Rahmen des vielfältigen Seminarangebots kamen nicht nur die externe Expertensicht, sondern in etlichen Angeboten auch die Expertise von Menschen, die selbst unter den Bedingungen des Autismus-Spektrum leben, zum Tragen. Damit konnte den pädagogischen Fachkräften Wissen aus erster Hand vermittelt werden. Hervorzuheben ist zudem, dass Maria Kaminski, die Vorsitzende von Autismus Deutschland e.V. – ein wichtiger Kooperationspartner des vds –, am Kongress teilnahm und ein Seminarangebot beisteuerte.

Angela Ehlers, Rahel Brunsch Angela Ehlers, Tanja Götz
Bettina Lindmeier, Ludger Tebartz van Elst, Angela Ehlers  D. Brunsch. B. Werner, David Scheer, Conny Melzer
Conny Melzer, Peter Wachtel

Dr. David Scheer

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