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Sonderpädagogik in Zeiten des Übergangs
Eröffnungsrede zur 53. Hauptversammlung des Landesverbands Nordrhein-Westfalen am 23.11.2018 in Bergisch-Gladbach

Die Hauptversammlung als Instrument der Willensbildung des Landesverbands sollte immer auch ein Ort der fachlichen Diskussion und eines Ringens um Positionen sein. Dabei steht der jeweilige verbandsinterne Diskurs nie losgelöst vom aktuellen bildungspolitischen und schulpraktischen Geschehen im Land, sondern bezieht sich im vielfältiger Weise auf dieses bzw. wird von diesem geprägt. Dies bewusst zu machen, jedoch nicht als bloße Gegebenheit, sondern aktiv mit dem kritischen Blick auf die zu bewältigenden Aufgaben als Verband, kann und muss darin Ziel einer solchen Eröffnungsrede sein, daher soll der verbandliche Diskurs einen verbindenden Rahmen erhalten.

Daher habe ich einige Zeit darüber nachgedacht, was ein übergreifendes Thema für unsere diesjährige Hauptversammlung sein könnte, um hier einen inhaltlichen Bogen zwischen unserer Arbeit im Verband und dem allgemeinen bildungspolitischen Geschehen im Land zu spannen. Betrachten wir hier die aktuelle Situation, kann man dies vielleicht am treffendsten unter das gemeinsame Thema „Sonderpädagogik in Zeiten des Übergangs“ setzen. Ich möchte daher dieses Motto in zweifacher Weise aufgreifen und akzentuieren, um so einige Impulse für die vor uns liegenden Aufgaben und die verbandlichen Diskussionen zu setzen.

Dabei möchte ich zunächst einen Blick auf die uns alle in vielfältiger Weise betreffenden bildungspolitischen Entwicklungen in unserem Land werfen. Hier stehen wir aktuell vor enormen Herausforderungen in der nordrhein-westfälischen Bildungslandschaft. Wenn wir demnach von einer Zeit des Übergangs sprechen, lässt sich dies auf umfassende Weise für die Stellung sonderpädagogischer Förderung an den verschiedenen Förderorten im Land ausdeuten.

Ein erster, wenngleich fundamentaler Übergang liegt dabei mit dem durch das 9. Schulrechtsänderungsgesetz ab dem Schuljahr 2014/15 gesetzten Primat inklusiver Bildung bereits hinter uns. Hiermit ging die Maßgabe eines flächendeckenden Ausbaus inklusiver schulischer Formen in allen Kommunen und Kreisen einher. In den letzten Jahren haben wird demnach eine enorme Veränderung der Bildungslandschaft im Zusammenhang mit den Orten und Formen sonderpädagogischer Förderung erlebt. Das Gemeinsame Lernen wurde an vielen Schulen im Land über alle Schulstufen und Schulformen hinweg eingerichtet und Förderschulen vorrangig in den Förderschwerpunkten Lernen und Emotionale und soziale Entwicklung wurden geschlossen oder zusammengelegt. Dies ging für die Kolleginnen und Kollegen sowohl im Gemeinsamen Lernen als auch an den betreffenden Förderschulen mit erheblichen Veränderungen ihres Aufgaben- und Tätigkeitsfelds einher und fordert bis heute von allen Beteiligten große Kraftanstrengungen, sollen bisher erreichte Standards sonderpädagogischer Förderung erhalten bleiben oder an die neuen Handlungsfelder oder veränderte Schülerschaften angepasst werden. Ist hierbei die Zielrichtung, inklusive Bildung als Aufgabe aller Schulformen und Bildungseinrichtungen im Land zu begreifen, grundsätzlich in hohem Maße begrüßenswert, so haben wir als Verband schon früh und wiederholt (leider auch immer wieder vergebens) auf die Probleme eines fehlenden bzw. nicht hinreichend strukturierten und damit verbindlichen Changemanagements bei unzureichender Ressourcenausstattung für die Umsetzung verwiesen. Es kann an dieser Stelle konstatiert werden: das Ziel stimmt, aber der Weg scheint unklar und holprig.

So lässt sich für die hieraus entstandene Situation, die von vielen Lehrkräften, Eltern wie auch Schülerinnen und Schülern als unbefriedigend erlebt wurde und wird, in einem dreifachen Problemfeld skizzieren, das als Barriere eines gelingenden Übergangs in eine inklusive Bildungslandschaft in Erscheinung tritt.

  1. So konnte die mit der Einführung der Ressourcenbudgetierung erhoffte Verlagerung sonderpädagogischer Unterstützungsangebote stärker auf Formen präventiver Maßnahmen nicht eingelöst werden. Stattdessen erleben wir einen erheblichen Anstieg der Förderquoten, sodass noch nie so viele Schülerinnen und Schüler als sonderpädagogisch förderbedürftig etikettiert wurden wie aktuell. Hier gibt es offenbar kein Vertrauen darin, dass ohne einen formalen Förderstatus entsprechend fachliche gebotene Unterstützungsmaßnahmen auch tatsächlich gewährt werden. Gleichzeitig lässt das Budget erkennen, dass die ausgewiesenen Ressourcen kaum ausreichen, um an allen Förderorten den umrissenen Aufgaben von Beratung, Förderung, Diagnostik, Kooperation, Prävention und Intervention nachkommen zu können. Als Fehler muss hierbei die vorschnelle und kurzfristige Beendigung des Modellversuchs sonderpädagogischer Kompetenzzentren zum Schuljahr 2014/15 gelten, womit bereits etablierte Strukturen präventiver Förderung, Kooperation und Beratung aufgeben wurden.
  2. Dies lässt sich ergänzen um fehlende verbindliche Vorgaben auf Seiten des Ministeriums für Schule und Bildung zur Entwicklung schulischer Inklusionskonzepte und klarer Aufgabenprofile für Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen an Allgemeinen Schulen. Damit wird inklusive Schulentwicklung der Beliebigkeit ausgeliefert und nicht zum verbindlichen Kernanliegen der Schulen des Gemeinsamen Lernens. Verunsicherung der Lehrkräfte vor Ort in einem unklaren Tätigkeitsfeld sind die Folgen. Qualitätsstandards müssen aus Sicht unseres Verbands dabei als dringend notwendige Voraussetzung erscheinen, wie es auch verlässlicher Kooperationsstrukturen zwischen den Professionen entlang klar konturierter Aufgaben- und Handlungsfelder bedarf.
  3. Schließlich führt der allseitige Lehrkräftemangel dazu, dass tausende Stellen, aktuelle Zahlen sprechen hier von ca. 3.000 unbesetzten Stellen, für Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen im Land sowohl im Gemeinsamen Lernen als auch an Förderschulen nicht besetzt werden können. Vor diesem Hintergrund geht es in vielen Schulen vermehrt darum, den Mangel zu verwalten, statt Perspektiven für eine qualitativ hochwertige sonderpädagogische Förderung zu entwickeln. Es bestehen die Gefahren der Deprofessionalisierung und des Zurücktretens hinter erreichte Fachstandards.

Entlang dieser realen oder gefühlten Problemlagen verwundert es nicht, dass „Inklusion“ ein bestimmendes Thema des nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampfs war. Entsprechend haben wir nun mit Frau Yvonne Gebauer (FDP) seit ca. 1,5 Jahren eine neue Bildungsministerin, sodass die Frage erlaubt sein muss, ob nun alles gut wird?

Hier scheint für die bildungspolitische Situation die Beschreibung als „Zeit des Übergangs“, worin ich fast unsere Ministerin im Wortlaut zitieren kann, eine passende Beschreibung zu sein. So zeichnen sich momentan einige weitere wesentliche Veränderungen in der Ausgestaltung sonderpädagogischer Bildungs-, Beratungs- und Unterstützungsangebote in unserem Land ab, von denen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht sicher sagen können, ob diese eindeutig zu begrüßen sind oder doch eher eine Wende zum Schlechteren bedeuten. Ausgangspunkt dieser „Wende“ in der Schulpolitik muss dabei zunächst das ausgerufene „Moratorium Förderschulen“ sein, womit die neue Landesregierung sich klar zum Erhalt der Förderschule als komplementären Lern- und Förderort zum Gemeinsamen Lernen in Allgemeinen Schulen bekennt und auch kleinere Förderschulen erhalten möchte. Ob dies eher ein „Placebo“ ist oder tatsächlich einen nennenswerten Effekt hat, wenn bereits die meisten Förderschulen, teils bei steigenden Schülerzahlen, ohnehin inzwischen deutlich über der vorgesehenen Mindestgröße liegen, möchte ich an dieser Stelle nicht bewerten.

Weiterhin liegen nun die ersten Eckpunkte zur Fortentwicklung der schulischen Inklusion auf dem Tisch. Auch diese stellen eine Wende in der zuvor verfolgten Marschrichtung dar. Bündelung ist hier das Gebot der Stunde. Die Idee eines flächendeckenden Angebots inklusiver Bildungsangebote wird zugunsten der Schwerpunktbildung verworfen. Dies können wir als Fachverband nur mit einem weinenden und einem lachenden Auge betrachten. Weinend, da so bestimmte Schulformen in ihrem exklusiven Charakter gestärkt werden und sich dem gesamtgesellschaftlichen Projekt der Inklusion gezielt entziehen können. Ebenso besteht die Gefahr, dass in Kommunen mit einer bereits sehr gutausgebauten inklusiven Infrastruktur nun die Rolle-Rückwärts folgt. Verhaltender Optimismus macht sich hingegen breit, da Bündelung, verbleibt sie nicht nur auf Ebene der Schülerinnen und Schüler, auch die Chance bietet, Expertise und Ressourcen zu bündeln und so wirklich qualitätsvolle inklusive Bildungsangebote vor Ort zu entwickeln. Die Ankündigung für Schwerpunktschulen, die jedoch nicht so heißen dürfen, sondern zukünftig schlicht zwischen Ort mit und ohne Gemeinsamen Lernen begrifflich unterschieden werden sollen, einen Orientierungsrahmen für inklusive Schulkonzepte zu entwerfen, weckt hierbei die Hoffnung, dass nicht nur hitzig über Ressourcen, sondern auch wieder über Qualität sonderpädagogischer Bildungs-, Beratungs- und Unterstützungsangebote gesprochen wird.

Zentrale offene Fragen bleiben dabei jedoch, wie schulische Inklusion zukünftig für den Bereich der Grundschulen gedacht wird, was aktuell unter dem Schlagwort „Masterplan Grundschule“ für das Jahr 2019 bearbeitet werden soll, oder wie die fachliche gebotene Einbindung der Förderschulen in ein regionales Bildungs- und Unterstützungsnetzwerk im Sinne einer inklusiven pluralen Bildungslandschaft erfolgen kann, um das bisher vorrangige „Zwei-Säulen-Modell“ sonderpädagogischer Unterstützungsangebote zu überwinden oder zumindest zu flexibilisieren. Auch Förderschulen müssen, unterkritischer Prüfung bisheriger Praxis, darin Teil eines umfassenden Prozesses der Qualitätssicherung und -fortentwicklung sein. Darin gilt es, ihre besonderen Aufgaben und das damit spezifische Bildungsangebot auszuschärfen. Qualitätsstandards, aber auch Rahmenvorgaben dürfen demnach nicht nur für das Gemeinsame Lernen gedacht werden, sondern sind auch ein dringend gebotener Entwicklungsimpuls für die unterschiedlichen Förderschulformen in unserem Land. Insbesondere die Frage zieldifferenten Unterrichts bedarf darin eines Orientierungsrahmens durch kompetenzorientierte Lehrpläne, soll Bildung an dieser Stelle nicht der Beliebigkeit, dem Zufall oder im besten Fall dem individuellen Engagement einzelner Schulen oder Lehrkräfte obliegen.

Hier erwachsen für uns als Verband zahlreiche Herausforderungen, in diesem Übergangsprozess für den Erhalt und die Stärkung sonderpädagogischer Fachlichkeit im Interesse der Schülerinnen und Schüler mit Beeinträchtigungen einzustehen. Wir müssen darin Expertise anbieten, Kooperationen suchen und in notwendiger Weise den Finger in die Wunde legen! Dies muss auch bedeuten, die eigenen Bestände kritisch zu prüfen und die eigene Fachlichkeit auszuschärfen. Nur wenn es uns hierbei gelingt, die Bedeutung sonderpädagogischer Expertise für das übergeordnete Ziel gesellschaftlicher Inklusion und Teilhabe für marginalisierte Kinder und Jugendliche klar zu benennen, werden wir auch zukünftig in der Lage sein, konstruktiv und aktiv an der Gestaltung guter Bildungsbedingungen in unserem Land mitzuwirken. Ich denke, es muss daher Aufgabe sein, dass wir uns in dieser Zeit des Übergangs auf den Kern unserer Verbandsarbeit besinnen und die Stärkung sonderpädagogischer Fachlichkeit forciert in den Blick nehmen. Dazu bedarf es einer klaren Bestimmung dieser Expertise als Markenkern sonderpädagogischer Professionalität. Nur wenn wir uns selbst vergewissern, welche Expertise wir zu bieten haben, können wir einerseits die Bedeutung der Sonderpädagogik als Bausteineines mehr und mehr inklusiven Bildungssystems herausstellen, und andererseits Tendenzen der Problemdelegation und professionellen Entgrenzung entgegenwirken. Einige Problemfelder und Herausforderungen in diesen Zeiten des Übergangs sind benannt, lasst uns diese gemeinsam angehen. Darin freue ich mich auf den fachlichen Austausch auf dieser Hauptversammlung!

René Schroeder

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