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6. Würzburger Gespräch mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs

Das 6. Würzburger Gespräch mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs, das am 19. Januar 2019 stattfand, befasste sich einerseits mit dem Übergang von der frühkindlichen Bildung in die Schule und andererseits von der Schule in die Berufsbildung bzw. das Berufsleben. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, wie sich diese Übergänge für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in Risikolebenslagen sowie mit (drohender) Behinderung gut gestalten lassen. Als Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler nahmen teil:

  • Dr. Miriam Buse, Universität Osnabrück
  • Iris Flüchter, Universität zu Köln
  • Tobias Hensel, Universität Hamburg
  • Alissa Sale, Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg
  • Luca Schwarzer, Familienzentrum Sternschnuppe St. Augustin
  • Dirk Sponholz, Universität Koblenz-Landau

Als Vertreter der Julius-Maximilians-Universität Würzburg nahm dieses Mal AOR Hans-Walter Kranert teil.

Der vds wurde durch die Bundesvorsitzende, die Schriftleitung sowie den Pressereferenten vertreten. Die Moderation übernahm Prof. Dr. Conny Melzer.

In die Schule hinein: Übergang von der frühkindlichen in die schulische Bildung

In einem ersten Impulsreferat stellte Luca Schwarzer, Leiter der inklusiven Kindertagesstätte Familienzentrum Sternschnuppe in St. Augustin und Doktorand an der Universität zu Köln, die Arbeit seiner Einrichtung bei der Übergangsgestaltung für Kinder mit (drohender) Behinderung bzw. Anspruch auf Eingliederungshilfe vor – sowohl in Bezug auf den Übergang in die Kindertagesstätte als auch den Übergang von dieser in die Schule. Dabei zeigte er auf, wie der Wechsel in die Schule für alle Eltern und Kinder eine große Veränderung mit Sorgen und Nöten darstellt, zumal die Schule die erste „Pflichtveranstaltung“ im Bildungsbereich bzw. in der Biografie ist. Ganz grundsätzlich zeigte das Referat folgende Punkte auf:

  • In der frühkindlichen Bildung sind Kind und Eltern in ein Geflecht unterschiedlicher Hilfsangebote eingebunden, die nicht immer miteinander vernetzt und verzahnt sind.
  • Je jünger ein Kind ist, desto schwieriger ist es, Abweichungen von einer alterstypischen Entwicklung festzustellen.
  • Die Aufnahme von Kindern mit (drohender) Behinderung bzw. Anspruch auf Eingliederungshilfe ist für die meisten Kindertagesstätten eine stark herausfordernde neue Situation und erfordert mehr sonderpädagogische Expertise als derzeit bereitgestellt wird.
  • Insbesondere stellt sich das letzte Kindergartenjahr als eine Herausforderung dar. Für einen gelingenden Übergang in die Schule werden begleitende Konzepte und Eingewöhnungszeiten sowie ein gemeinsames, fachlich fundiertes Instrumentarium von Kindertagesstätten und Schulen benötigt.
  • Schwierigkeiten für den Übergang in die Schule werden für Kinder gesehen, die bis zum Schuleintritt nicht oder nur kurz an institutionalisierten Bildungsangeboten teilgenommen haben.

In einem zweiten Impulsreferat stellte die Bundesvorsitzende, Dr. Angela Ehlers, ihre Sicht auf Anforderungen an einen gelingenden Übergang in die Grundschule hinein dar. Multiprofessionelles Handeln zur Sicherung von Bildungsteilhabe heißt demzufolge, den Blick zu weiten auf die Aspekte

  • „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ – beim Übergang in Kindertageseinrichtungen, Vorschule und Eingangsphase der Grundschule treten selten spontane Veränderungen auf, wenn sich schon frühzeitig erhebliche Entwicklungsprobleme zeigen.
  • Unterstützung und Entwicklungsbegleitung müssen kurzfristig, ohne Zeitverlust, niedrigschwellig und nicht etikettierend gewährleistet werden.
  • Immer mehr Kinder kommen mit partiellen oder umfassenderen Problemen in ihrer sensomotorischen, emotional-sozialen und/oder kognitiven Entwicklung in der Kindertageseinrichtung und Grundschule an, ebenso wie Kinder mit partiell oder umfassend weit entwickeltem Lernstand und/oder Begabungen in unterschiedlichen (Teil-)Bereichen.
  • Präventives Handeln zur Vermeidung von intensiveren Formen des pädagogischen Förderbedarfs und der Entwicklung eines sonderpädagogischen Förderbedarfs in den Bereichen Lernen, Sprache sowie Emotionale und soziale Entwicklung ist dringend erforderlich.
  • Alle Fachkräfte benötigen besondere Kompetenzen der Diagnostik und Förderung in den Leistungsbereichen Deutsch und Mathematik und den Vorläuferfertigkeiten.

Die Herausforderung des Übergangs sind folgendermaßen zu skizzieren:

  • Die Kinder müssen sich auf neue und deutlich mehr Lehrkräfte, neue Lerngruppen, unterschiedliche Lernstände sowie veränderte Arbeits- und Lernformen in der Grundschule einstellen.
  • Für manche Kinder ist eine frühzeitige qualifizierte integrative lerntherapeutische und (sonder-) pädagogische Unterstützung statt unspezifischer Förderung erforderlich, um Anschluss an die Lernaufgaben und Bildungsziele der Grundschule zu halten.
  • Es gibt eine ernstzunehmend große Gruppe von Schülerinnen und Schülern, deren Lern- und Entwicklungsprobleme in der Grundschule nicht erkannt werden und die mit einem (vermeintlich) ausreichenden Leistungsbild in die weiterführende Schule durchrutschen – mit einer Bildungskarriere, die zum Scheitern verurteilt ist.
  • Ein individuelles Lerncoaching in der Vermittlung von fachlichen und überfachlichen Kompetenzen ist niedrigschwellig bereitzustellen.

Um angemessene Unterstützung zu leisten, sind die folgenden Kompetenzen bei allen Teammitgliedern unabdingbar:

  • Beziehungsaufbau und Beziehungsstabilisierung bei Kindern, Eltern und Lehrkräften, die durch negative (schulische) Erfahrungen verunsichert sind
  • Entwicklungsförderung zur Zone der nächsten Entwicklung in allen Entwicklungsbereichen zur Entdeckung neuer Lernmöglichkeiten
  • Beziehungsaufbau zu den Eltern bei problematischen Lerngeschichten sowie bei institutioneller Überforderung und Hilflosigkeit
  • Beziehungsaufbau zu den Lehrkräften bei Kommunikationsstörungen zu Kindern und Eltern und Entwicklung von Beratungs- und Beziehungskompetenz in der Kindertageseinrichtung und im Übergangsbereich in die Schule hinein
  • interdisziplinäre Kooperation mit therapeutischen Fachkräften wie z.B. für Logopädie, Ergotherapie, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie etc.

Aus den beiden Impulsen ergab sich eine Diskussion, die sich insbesondere darauf fokussierte, wie einerseits bereits in Kindertagesstätten präventive Förderung und diagnostische Kompetenzen verankert sowie andererseits Kompetenzen verzahnt werden können:

  • Das Bildungspotential vorschulischer Einrichtungen sowie die dort vorhandenen Kompetenzen müssen anerkannt werden, damit Schulen und Kindertagesstätten voneinander und miteinander lernen können und damit eine Anschlussfähigkeit frühkindlicher Bildung für die Primarstufe geschaffen werden kann.
  • Die Verzahnung von Kompetenzen muss darauf ausgerichtet sein, die Eltern auf Augenhöhe zu begleiten und dabei zu berücksichtigen, welchen Wandel der Übergang in die Schule für die Eltern und weiteren Bezugspersonen der Kinder bedeutet.
  • Die Sichtweise der Kinder muss im Übergangsprozess berücksichtigt werden, sodass Partizipation eingeübt, erlernt und die Entwicklung des Selbstwirksamkeitserlebens unterstützt werden können. Außerdem bedarf es der Beachtung der Sorgen und Ängste von Kindern und Eltern, die Begleitung durch professionelle Kräfte und der Nutzung vielfältiger Materialien zur Bildungsbiografie des einzelnen Kindes (Entwicklungsportfolio etc.).
  • Die schulärztlichen Eingangsuntersuchungen variieren in ihrer Qualität und im Wissensstand der Schulärzte regional stark, sodass eine (sonder-)pädagogisch fundierte Schuleingangsdiagnostik ergänzend notwendig ist.
  • Sonderpädagogische Kompetenzen müssen in die Kindertagesstätten fest integriert werden, damit Präventionsmöglichkeiten sichergestellt werden können.
  • Es bedarf einer Weiterentwicklung der schulischen Expertise, um eine Passung zur Elementarbildung herzustellen.

Übergänge in die berufliche Bildung

Der zweite Teil des Fachgesprächs befasste sich mit den Übergängen aus der Schule heraus. Wiederum wurde die Diskussion durch zwei Impulsreferate eingeleitet.

Zuerst gab Tobias Hänsel einen Überblick über die Bedeutung von Übergängen für Teilhabe und Ausgrenzung, die Situation von Menschen mit Behinderung am Arbeitsmarkt und die biografischen Brüche, die sich vor diesem Hintergrund insbesondere bei (längerfristigen) Erfahrungen mit Institutionen der Kinder- und Jugendpsychiatrie ergeben können. Dabei wurde deutlich, dass eine einseitige Fokussierung auf Schulabbrecherquoten und das Erreichen des Hauptschulabschlusses (Stichwort: „Keiner ohne Abschluss“) zu kurz greifen, vor allem in Anbetracht der steten Abnahme der Bedeutung des Hauptschulabschlusses für den Arbeitsmarkt.

In einem daran anknüpfenden Referat stellte Hans-Walter Kranert die Notwendigkeit vor, den Übergang in die berufliche Bildung in dreifacher Hinsicht als individuelle Entwicklungs- sowie Lebenskrise zu betrachten und pädagogisch verantwortungsvoll zu begleiten. Dabei zeigen sich derzeit insbesondere auf drei Ebenen Forschungs- und Entwicklungsbedarfe – zumal es derzeit keine zuverlässigen Längsschnittstudien über den Übergang in die berufliche Bildung vor allem für Schülerinnen und Schüler mit sozial-emotionalen Belastungen, gibt:

  • Auf der Makroebene fehlen notwendige Reformen der beruflichen Subsysteme.
  • Auf der Mesoebene muss die Ausgestaltung einer Lebensphasenbegleitung näher betrachtet werden.
  • Auf der Mikroebene sollte der Aspekt der Arbeitsgewöhnung sowie einer umfassenden (Über-)Lebenskunst in den Fokus rücken.

In den anschließenden Diskussionsrunden wurden die folgenden Aspekte näher thematisiert:

  • Im Zusammenhang mit Digitalisierung ergeben sich sowohl Chancen als auch Risiken für Menschen mit Teilhabeeinschränkungen: Einerseits bieten sich digitale Unterstützungsangebote an, andererseits wäre es gefährlich, wenn personale Unterstützung durch digitale Medien ersetzt und die Berufsorientierung ausschließlich in einem virtuellen Feld stattfinden würde.
  • Hinsichtlich des Themas Schulabbrüche stellt sich die Frage, welche Bedeutung schulisches Scheitern für die Bildungsbiografie hat. Aber auch die Frage, welche Chancen und Perspektiven eine flexible Ausgangsphase oder flexible Schulabschlüsse bieten können, wurde vielseitig diskutiert.
  • Bezogen auf Schulabschlüsse zeigt sich eine starke Fokussierung auf das Erreichen selbiger, obgleich diese nach Auffassung von Gesprächsteilnehmerinnen und -teilnehmern formal kein offizielles Zugangskriterium für eine Berufsausbildung darstellen würden. Vielmehr seien spezifische, insbesondere soziale Kompetenzen das Hauptkriterium für Ausbildungsbetriebe, sodass ein ressourcenorientiertes Denken gestärkt und flexible Wege in die berufliche Bildung ermöglicht werden müssten.
  • Generell verwiesen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer darauf, dass berufliche Bildung für Menschen mit schwersten kognitiven und emotionalen Einschränkungen nicht zugänglich sei und stattdessen – im deutlichen Gegensatz zu den Anforderungen der UN-BRK – oftmals Ersatzeinrichtungen wie beispielsweise Tagesförderstätten die einzige Alternative darstellen würden. Zudem fehle es den berufsbildenden Schulen an sonderpädagogischer Unterstützung.

Abschließende Reflexionsrunde

In einer abschließenden Reflexionsrunde formulierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die folgenden Themen, die zukünftig diskutiert und durch die Arbeit des Verbands Sonderpädagogik nachhaltig unterstützt werden müssten:

  • Bundesländerübergreifende diagnostische und unterstützende Standards und Kompetenzen für den Übergang aus der Elementar- in die Primarbildung.
  • Wechselseitige Abordnung von Lehrkräften in Kindertagesstätten und von erzieherischen Fachkräften aus der Kindertagesstätte in den Schuleingangsbereich.
  • Sicherstellung sonderpädagogischer Expertise in der Elementarbildung und Entwicklung von Expertise entwicklungsfördernder Bildungs- und Erziehungsangebote in allen Berufsgruppen.
  • Bündelung des diffusen Felds der Unterstützungs- und Strukturangebote – aus der Sicht der unterschiedlichen Protagonisten.
  • Begleitung von Digitalisierungsprozessen in inklusiven Bildungseinrichtungen.
  • Beachtung der UN-Behindertenrechtskonvention statt Ökonomisierung von Bildung und Schule.
  • Frage nach der Notwendigkeit einer altersgruppenspezifischen sonderpädagogischen Lehrkräftebildung.

Es wurde zudem der einhellige Wunsch artikuliert, zu beiden Übergangsbereichen getrennt Bundesfachkongresse auszurichten, die einen Schwerpunkt auf multiprofessionelle Teamarbeit setzen.

David Scheer, Angela Ehlers und Luca Schwarzer

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