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Kolloquium in Reckahn

Mehr als tausend Besucher aus ganz Europa suchten ab 1780 das märkische Dorf Reckahn bei Brandenburg auf, wo Friedrich Eberhard von Rochow wesentliche Impulse für die Entwicklung des Volksschulwesens gab. Auch heute kommen pädagogisch Interessierte nach Brandenburg. Vom 8. bis 9. März 2019 fand in der Rochow-Akademie in Reckahn unter der Leitung von Annedore Prengel ein Kolloquium zum Thema „Reckahner Modelle zur inklusiven Unterrichtsplanung“ statt. Veranstalter waren das Rochow-Museum und die Akademie für bildungsgeschichtliche und zeitdiagnostische Forschung. Mitveranstalter waren Lehrende der Humboldt Universität Berlin und der Universität Rostock. Unterstützer waren die GEW/Max-Traeger-Stiftung und die Robert-Bosch-Stiftung.

An der Veranstaltung nahmen 24 didaktisch ausgewiesene Fachleute aus Schulpraxis, Schulleitung, Schulverwaltung, Verbänden, Schulforschung und Schulpolitik teil. Für den vds nahmen vom Bundesvorstand Schriftleiter Peter Wachtel und Dagmar Brunsch (Pressereferentin Niedersachsen) teil.

Das Kolloquium diente als Auftaktveranstaltung für ein längerfristiges Vorhaben zur Entwicklung von Modellen zur inklusiven Unterrichtsplanung, ein Thema, das seit dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2008 viele im Bildungsbereich Tätige nachhaltig beschäftigt. Ist ein guter Unterricht – so die zentrale Frage – bereits auch ein guter inklusiver Unterricht? und Wie wäre ein guter inklusiver Unterricht gegebenenfalls zu planen? Die Arbeit an Planungsmodellen für inklusiven Unterricht, die hier begonnen werden soll, orientierte sich an den seit 2017 vorliegenden „Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen“. Deren Stärke ist ihr übergreifender – eben inklusiver – Geltungsanspruch. Der vds gehört zu den Unterzeichnern der Reflexionen.

Die „Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen“ beziehen sich auf die grundlegende Überzeugung, dass gute pädagogische Beziehungen ein Fundament dafür bilden, dass Leben, Lernen und demokratische Sozialisation gelingen.

Die Reflexionen enthalten zehn Leitlinien zur Stärkung der kinderrechtlichen Qualität pädagogischer Beziehungen. („1. Kinder und Jugendliche werden wertschätzend angesprochen und behandelt“). Sie wenden sich an pädagogische Fachkräfte und Lehrkräfte sowie an verantwortliche Erwachsene in allen Bereichen des Bildungswesens.

Die Arbeit an den angestrebten Planungsmodellen diente der Vertiefung der in den „Reckahner Reflexionen“ formulierten didaktisch relevanten Leitlinie Nr. 3: „Bei Rückmeldungen zum Lernen wird das Erreichte benannt. Auf dieser Basis werden neue Lernschritte und förderliche Unterstützung besprochen“. Damit schließen die Reckahner Reflexionen an die Diskussion um lernförderliche Leistungsrückmeldungen (formative assessment) an und unterstreichen die Notwendigkeit, in jedem Unterricht – insbesondere auch im inklusiven – jeweils am individuellen Lern- und Entwicklungsstand jedes Kindes anzuknüpfen.

Ziel ist die Entwicklung klarer didaktischer und diagnostischer Perspektiven unter Berücksichtigung sowohl des Erkenntnisstands der Inklusionsforschung als auch der Forschungen im Bereich der formativen Leistungsbeurteilung.

Die Arbeit an den Planungsmodellen für den inklusiven Unterricht mit heterogenen Lerngruppen soll fünf Kriterien entsprechen. Die Planungsmodelle sollen:

  • einfach, konkret und alltagstauglich sein. Sie sollen für Lehrpersonen und multiprofessionelle Teams verständlich, nützlich und unterstützend sein.
  • für alle Fächer und Lernbereiche der Klassen 1 bis 10 tauglich sein. Dazu berücksichtigen sie Curricula für die Jahrgangsstufen 1 bis 10.
  • sich auf heterogene Lerngruppen beziehen. Systematisch soll berücksichtigt werden, dass es um Klassen geht, zu denen Kinder und Jugendliche mit den verschiedensten Lernausganglagen zwischen basal und hochbegabt gehören. Dazu dienen umfassende fachdidaktische Kompetenzraster und Materialien für differenzierende pädagogische Angebote zum Einstieg in das Lernen von jeder Kompetenzstufe aus.
  • auf fachwissenschaftlich und fachdidaktisch fundierten Erkenntnissen beruhen.
  • auf didaktisch relevanten erziehungswissenschaftlichen und pädagogisch-psychologischen Erkenntnissen beruhen.
  • Für die inklusive Unterrichtsplanung in Fächern und Lernbereichen sollen verschiedene unterstützende Instrumente angeboten werden:
  • Systematisch aufgebaute, das ganze Schulcurriculum umfassende detailreiche, alltagstaugliche Kompetenzraster für die einzelnen Fächer werden benötigt, um die aufeinander aufbauenden geistigen Lernschritte der Schülerinnen und Schüler in den einzelnen Fachgebieten zu benennen. Sie werden ergänzt durch Kompetenzraster in für Kinder verständlicher Sprache.
  • Systematisch aufgebaute gegenständliche, gedruckte und mediale Lernmaterialien für die Hand der Kinder und Jugendlichen werden passend zu jeder Kompetenzstufe entworfen. Auch die Aufstellungen der fachdidaktischen Materialien soll umfassend sein und sich auf den gesamten Lehrplan der Klassen 1 bis 10 beziehen.

Hinzukommen kreative offene Materialien und Dokumentationsformen für frei wählbare Kinder- und Jugendcurricula, dazu dienen vor allem Portfolios.

Neben dem offensichtlich großen Bedarf an Planungsmodellen für einen heterogenitätssensiblen und inklusiven Unterricht verband die Teilnehmenden sowohl ein großes Interesse an der Beschreibung von Gelingensbedingungen für inklusiven Unterricht als auch an der Frage, wie sich dies in der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften transportieren lässt.

Während des Kolloquiums wurden in Kurzpräsentationen verschiedene für das Thema relevante Ansätze zur Diskussion gestellt, dazu gehörten:

  • Der Berlin-Brandenburgische Lehrplan für die Klassen 1 bis 10 mit systematischer Differenzierungsstruktur (Steffi Bosse, Ute Geling, Toni Simon, Karin Liebers, Heike Noll)
  • Lernlandkarten und Lernatlanten (Kompetenzraster der FHNW/Fachhochschule Nord-West-Schweiz) sowie Kompetenzpässe der Gesamtschule Unterstrass, Zürich (mit „Ich kann“-Formulierungen) (Patrik Widmer, Cornelia Müller Bösch)
  • ILEA (Individuelle Lernentwicklungsanalyse) mit empirisch evaluierten Stufenmodellen und pädagogischen Angeboten (Ute Geiling, Katrin Liebers, Toni Simon)
  • Arbeitsstrukturen an der Gesamtschule IGS Göttingen Geismar mit Teamarbeit sowohl für Pädagogen-Teams als auch für Schülergruppen (Wolfgang und Stefanie Vogelsaenger) und schließlich
  • ein Planungsmodell „Unterrichtsreihe“, das Komponenten eines Förderkreislaufs ebenso integriert wie Organisationskomponenten, Diagnostik, Binnendifferenzierung u.a.m. Ein an individuellen Lern- und Entwicklungsständen anknüpfendes Planungsmodell müsse die konventionell übliche Planung für einzelne Unterrichtsstunden mit Einstieg, Erarbeitung, Sicherung überwinden (Silvia Greiten).

Während des Kolloquiums wurden umfangreiche Debatten rund um Fragen der Entwicklung inklusiven Unterrichts und einer inklusiven Schule geführt. Dazu gehörten:

  • Die Relevanz diskursiver kollegialer Entwicklungsarbeit
  • Stärken und Schwächen der vorgestellten Ansätze zur Unterrichtsplanung
  • Chancen und Grenzen der Arbeit mit Kompetenzrastern, die einerseits Lernerfolge sichtbar und formulierbar machen, andererseits aber auch „bürokratisches“, formales Abarbeiten nahelegen
  • Die Bedeutung von Strukturen im offenen Unterricht
  • Die Bedeutung der „Zone der nächsten Entwicklung“ nach Lew S. Wygotski
  • Fragen der Entwicklung und empirischen Grundlagen von Stufenmodellen
  • Das „Handwerk des Planens“ im gesellschaftlichen Kontext und in theoretischer Einbettung
  • Didaktisch-methodische Perspektiven der fächerübergreifenden und fachbezogenen Freiarbeit
  • Die Bedeutung des Lernens am „gemeinsamen Gegenstand“ nach Georg Feuser und die Schwierigkeiten, diesen im praktischen Arbeiten zu bestimmen
  • Die Bedeutung des Lernens an verschiedenen Gegenständen
  • die Frage, wie Kreativität, Interessen, Partizipation und die Freiheit der Kinder und der Lehrkräfte im Unterricht im Blick behalten werden können
  • sowie nach dem menschenrechtlichen Zusammenhang von Gleichheit, Freiheit und Solidarität für die inklusive Didaktik.

Im Ergebnis entstanden zahlreiche Vorhaben, die das Gesamtprojekt in Gang bringen sollen, angefangen von der Entwicklung geeigneter Prinzipien und Beobachtungskriterien für einen inklusiven Unterricht über synoptische Übersichten zu bereits vorliegenden Stufen- und Planungsmodellen bis hin zur Entwicklung von Leitlinien für die inklusive Unterrichtsentwicklung als Planungsgrundlage für Lehrpersonen.

Auf der Website www.paedagogische-beziehungen.eu sind die zehn Leitlinien veröffentlicht. Es besteht die Möglichkeit, Materialien zu den Reckahner Reflexionen herunterzuladen oder zu bestellen. Des Weiteren werden Berichte aus der Praxis sowie weiterführende Literatur zum Thema „Pädagogische Beziehungen“ angeboten.

Dagmar Brunsch & Thomas Häcker

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