Diese Seite verwendet Cookies. Mit der Benutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu und akzeptieren unsere Datenschutzerklärung.
7. Würzburger Gespräch

Am 18. Januar 2020 fand zum siebten Mal das Würzburger Gespräch im Blindeninstitut statt. Ziel und Anliegen dieses jährlichen Fachgesprächs ist es, dass der vds-Bundesvorstand mit jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in den Austausch zu aktuellen Themen kommt. Auf Einladung des vds nahmen Sven Anderson, Dr. Thomas Breucker und Dr. Timo Lüke (alle TU Dortmund), Dr. David Scheer (PH Ludwigsburg), Dr. René Schroeder (Universität Bielefeld), Dr. Steffen Siegemund-Johannsen (Universität Würzburg) und Dr. Markus Spreer (Universität Leipzig) teil, der Bundesvorstand wurde durch die Schriftleiterin Prof. Dr. Conny Melzer und den Schriftleiter Dr. Peter Wachtel vertreten.

Das diesjährige Würzburger Gespräch stand unter dem Thema „Prozessbegleitende Diagnostik als wesentliche Grundlage für gelingende inklusive Bildungsangebote“. Damit ist es die direkte Weiterführung des Fachgesprächs Diagnostik, das während des Bundesfachkongresses im September in Leipzig stattfand. Ziel war es, die Ergebnisse eben dieses Fachgesprächs mit den Teilnehmern zu diskutieren und auch weiterzudenken. Dabei sind in der Diskussion der Nachwuchswissenschaftler die folgenden Vorschläge für Standards für Diagnostik in sonderpädagogischen Handlungsfeldern entstanden:

  • Diagnostik in sonderpädagogischen Handlungsfeldern ist ausgerichtet auf die schulischen Bildungsprozesse und Rahmenbedingungen. Sie wird eingesetzt mit Blick auf die Ziele, individuelle Bildungsbarrieren abzubauen und Teilhabe an Bildung zu erhöhen.
    • Diagnostik in sonderpädagogischen Handlungsfeldern wird von Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen mit dem Ziel eingesetzt, Bildungsprozesse in Gang zu bringen und diese zu begleiten.
    • Diagnostische Erkenntnisse werden für (sonder-)pädagogische und didaktische Konsequenzen genutzt. Das heißt, Diagnostik ist theoriegeleitet und orientiert sich an den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen des Fachs. Es erfolgt eine Einordnung in wissenschaftliche Theorien von Allgemeiner Didaktik, jeweiliger Fachdidaktik und -wissenschaft, Entwicklungspsychologie, Lernpsychologie, Pädagogischer Psychologie usw.
  • Diagnostik in sonderpädagogischen Handlungsfeldern kann auch mit dem Ziel eingesetzt werden, bestimmte Berechtigungen zu erlangen (z. B. zusätzliche Unterstützungsressourcen, Nachteilsausgleiche). Dies sind schuladministrative Anlässe für Diagnostik, die aber nicht pädagogisch originäre Aufgabe und Grundlage von Erziehung und Unterricht sind.
  • Diagnostik in sonderpädagogischen Handlungsfeldern geht von einem umfassenden Diagnostikbegriff aus:
    • Wahrnehmung, Interpretation und Entscheidungsfindung (für …)
    • Trifft Entscheidungen im Sinne der Selektions- und Modifikationsstrategie (Selektion meint die Auswahl von Fördermaßnahmen; Modifikation meint Veränderungen von Fördermaßnahmen oder Situationen)
  • Diagnostik in sonderpädagogischen Handlungsfeldern wird als Instrument eines relationalen Prozesses in Unterricht und Schule verstanden. Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen nutzen Diagnostik, um Person und Umwelt in Beziehung (Relation) zu setzen (z. B. Passung individueller Voraussetzungen mit Fördermaßnahmen und -materialien – Modifikation).
  • Diagnostik hat immer einen Bezug auf eine grundlegende Fragestellung und ist hypothesengeleitet
  • Diagnostik muss immer als ein prozesshaftes Geschehen begriffen werden (Veränderung / Entwicklung von Ergebnissen)
    • Vorläufigkeit von Ergebnissen
    • Hypothetischer Charakter von Erkenntnissen (können auch verworfen werden!)
  • Diagnostik in sonderpädagogischen Handlungsfeldern geschieht unter Berücksichtigung wissenschaftlicher Gütekriterien. Dies betrifft neben Testverfahren auch die Gesprächs- und Beobachtungsmethoden.
  • Diagnostik in sonderpädagogischen Handlungsfeldern beschreibt formative und summative Assessments, wobei ein Schwerpunkt auf der Prozessdiagnostik liegen sollte.
  • Das multifaktorielle Bedingungsmodell für Behinderung erfordert ein multiperspektivisches und multiprofessionelles Handeln in allen Bereichen: Diagnostik ist ein Handlungsfeld.
    • Diagnostik in sonderpädagogischen Handlungsfeldern auf der Basis eines multifaktoriellen Bedingungsmodells ist damit immer multiperspektivisch und multimodal.
    • Diagnostik in sonderpädagogischen Handlungsfeldern auf der Basis eines multifaktoriellen Bedingungsmodells erfolgt daher in Zusammenarbeit mit verschiedenen Disziplinen.
  • Diagnostische Kompetenz zeigt sich unter anderem in einem reflektierten Umgang mit den mit Diagnostik implizierten Antinomien.

Neben der Diskussion zu diesen Standards wurden auch über die Rolle der Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen und die aktuellen Anforderungen in Rahmen inklusiver Bildung in den Blick genommen. Hier kam es zu Fragen und Aufträgen, die es in naher Zukunft zu bearbeiten gilt: Welche Wissensstände haben Lehrkräfte aktuell? Wie kann eine Qualitätssicherung von Fortbildungen zur Diagnostik erfolgen? Wie kann die Ausbildung von Quereinsteigern in ihrer Qualität gesichert werden? Es sollten Beratungsstrukturen in der Schule systematisch verankert werden (dies könnte mit einem Arbeitszeitmodell ermöglicht werden, in dem nicht nur Unterricht, sondern auch beraterische und diagnostische Aufgaben verankert sind). Weiterhin müssen unter diagnostischen Gesichtspunkten die Übergänge in den Blick genommen werden, insbesondere was Fragen der Datenweitergabe sowie die Vernetzung in den vorschulischen Bereich hinein angeht.

Conny Melzer

zurück