Diese Seite verwendet Cookies. Mit der Benutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu und akzeptieren unsere Datenschutzerklärung.
Quo Vadis: Fachgespräch am 5. März 2020

Am 5. März 2020 fand das jährliche Fachgespräch „Quo vadis Sonderpädagogik“ des vds in Kassel-Wilhelmshöhe statt. Im Mittelpunkt stand – anknüpfend an das Fachgespräch beim Bundesfachkongress Diagnostik 2019 und das Würzburger Gespräch 2020 (siehe ZfH 3/2020) – das Thema „Diagnostische Standards der subsidiären Sonderpädagogik für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene an allen Bildungsorten sowie als Schwerpunkt in der Aus-, Fort- und Weiterbildung“. Der Einladung des Verbands waren 18 Vertreterinnen und Vertreter der Hochschulen sowie des vds-Bundesausschusses gefolgt, um in diesem Rahmen fachliche Positionen auszutauschen und weiterzuentwickeln.

In ihrem einleitenden Impulsvortrag stellte die Bundesvorsitzende Dr. Angela Ehlers die Bedeutung von Diagnostik als unverzichtbare Grundlage methodischen und didaktischen sowie sonderpädagogischen Handelns heraus. Nach einem kurzen Problemaufriss, der sich sowohl auf die gravierende Uneinheitlichkeit der bundesdeutschen Bildungslandschaft (mit unterschiedlichen, jedoch überall steigenden Förderquoten) als auch auf die notwendige prozessbegleitende Zusammenführung unterschiedlicher disziplinärer Perspektiven unter Berücksichtigung von Barrieren in Person und Umwelt bezog, gab der Vortrag einen kurzen Überblick über die Entwicklung des Diskurses in den beiden vergangenen Fachgesprächen. Aus diesen ließen sich insbesondere die folgenden möglichen Aufträge für den vds ableiten:

  • Definition sonderpädagogischer Diagnostik unter Berücksichtigung der Partizipation aller beteiligten Akteure und des Professionsverständnisses
  • Beachtung unterschiedlicher Transitionen und immanenter Beziehungsabbrüche unter Wahrnehmung von Barrieren aller Art
  • Sichtweise auf sonderpädagogisches Personal als Netzwerker und kommunikationssichere professionelle Menschen
  • Ableitung von individuell geeigneten Förderzielen und einer partizipativen Förderplanung (Perspektiven des Kindes und der Angehörigen) unter Berücksichtigung des dialogischen Prinzips (what, if, how?)
  • Berücksichtigung von Kategorien wie Stärken- und Kompetenzerweiterung, Persönlichkeitsentwicklung, Bildungsteilhabe
  • Standardentwicklung für Kooperation und Kokonstruktion in der Multiprofessionalität mit Sonderpädagogik als Kristallisationspunkt
  • Entwicklung eines Leitfadens für ein gutes Übergangs-/Transitionsmanagement einschließlich Datenschutz, Rechtssicherheit etc.

Nach diesem Impuls wurde vereinbart, in zwei Arbeitsgruppen an den beiden Themensträngen

  • Qualitätsstandards sonderpädagogischer Diagnostik bzw. diagnostischer Kompetenzen
  • Aufgabenstellungen sonderpädagogischer Diagnostik und ihr Verhältnis zu benachbarten Disziplinen zu arbeiten.

Entwicklung notwendiger Qualitätsstandards sonderpädagogischer Diagnostik bzw. diagnostischer Kompetenzen

In der Arbeitsgruppe, die sich mit Qualitätsstandards sonderpädagogischer Diagnostik befasste, wurde zunächst die Notwendigkeit herausgearbeitet, zwischen Leitlinien und Standards sowie zwischen sonderpädagogischer Diagnostik und diagnostischen Kompetenzen zu unterscheiden. Die Arbeitsgruppe einigte sich darauf, dass im weiteren Verlauf an Qualitätsstandards im Sinne eines definierten Minimalstandards gearbeitet werden solle, an dem sich diagnostische Praxis messen lassen müsse. Leitlinien im Sinne konkreter Handlungsanweisungen sollen damit nicht gemeint sein. Auch müssen zunächst Qualitätsstandards für sonderpädagogische Diagnostik definiert werden, bevor die dafür notwendigen Kompetenzen der Fachpersonen beschrieben werden können.

Als Grundlage der weiteren Arbeit dienten die im Jahr 2012 beschlossenen vds-Leitlinien[1] sowie die Standards sonderpädagogischer Diagnostik aus dem Jahr 2013. Dabei konnte festgestellt werden, dass viele wichtige Aspekte, die bzgl. der Qualität von Diagnostik zu diskutieren sind, bereits in den 2013er Standards grundgelegt sind. Ergänzungen und Überarbeitungen müssen aus Sicht der Arbeitsgruppe vor allem in den folgenden Bereichen vorgenommen werden:

  • Im Bereich der Lernverlaufsdiagnostik (z.B. curriculumbasierte Messverfahren) haben sich neue Entwicklungen aufgetan, die berücksichtigt werden müssen.
  • auch im Bereich der Verlaufsdiagnostik werden mit der direkten Verhaltensbeurteilung und daran angelehnten Verfahren neue Entwicklungen diskutiert, deren Potential für die pädagogische Praxis ausgelotet werden muss.
  • Ergänzt werden müssen Möglichkeiten, die sich durch fortschreitende Digitalisierung der pädagogischen Praxis ergeben.
  • Es zeigt sich, dass die Bundesländer sehr unterschiedlich mit der Feststellung eines sonderpädagogischen Unterstützungsbedarfs umgehen. Dies muss einerseits berücksichtigt werden, andererseits sollte der vds als Fachverband dazu klare Vorgaben definieren, die den Bundesländern als Orientierungshilfe an die Hand gegeben werden können. Nach einem intensiven Brainstorming und vielen Diskussionen konnte in der Arbeitsgruppe festgehalten werden, dass eine Weiterarbeit an Qualitätsstandard sonderpädagogischer Diagnostik am gewinnbringendsten funktionieren kann, wenn eine kleine Gruppe eine redaktionelle Vorarbeit leistet und in ein nächstes Treffen einbringt.

Herausarbeiten von möglichen Aufgabenstellungen sonderpädagogischer Diagnostik und ihres Verhältnisses zu benachbarten Disziplinen

Auf Basis einer Diskussion, wann Diagnostik sonderpädagogisch zu nennen sei, wurden in der zweiten Arbeitsgruppe mögliche Aufgaben sonderpädagogischer Diagnostik formuliert. Dabei wird Diagnostik von den Mitgliedern der Arbeitsgruppe nicht als Methode, sondern als Professionswissen beschrieben. Es wird eine Orientierung an der ICF vorgeschlagen, die allerdings um einen pädagogischen Zugang zu ergänzen ist. So müssten Themen der Teilhabe, Partizipation und Aktivität zusammen mit Kriterien und Indikatoren für Lehr-Lernprozesse erarbeitet und verknüpft werden. Ein Übergang von der allgemeinen Didaktik bzw. Fachdidaktik hin zu individuellen Lernangeboten gestaltet sich fließend, indem – wenn sich Fragestellungen und Problemlagen aus Sicht der allgemeinen Pädagogik nicht lösen lassen – didaktische Prinzipien durch sonderpädagogische Beobachtung/Diagnostik gestärkt und nicht ersetzt werden. In diesem Sinne ergaben sich folgende Aufgaben für eine sonderpädagogische Diagnostik:

  • Aufgabe der Prävention (mit Blick auf den RTI-Ansatz)
  • Aufgabe des Ermöglichens von Teilhabe
  • Diagnostik als Aufgabe der Sonderpädagogik: Diagnostik darf in pädagogischen Arbeitsfeldern nicht an Psychiatrie o. a. abgegeben werden.
  • Aufgabe der Diagnostik als dienende Funktion
  • Aufgabe der diagnostischen Differenzierung
  • Aufgabe der Bereitstellung von Erklärungs- und Handlungswissen.

In der Auseinandersetzung mit dem Verhältnis sonderpädagogischer Diagnostik zu anderen Fachdisziplinen wird herausgestellt, dass hier einerseits diagnostisches Handeln Entwicklungen ermöglichen und Situationen verändern soll und andererseits Ergebnisse und Erkenntnisse medizinischer und psychologischer Diagnostik hinsichtlich ihrer pädagogischen Relevanz interpretiert werden müssen. Dabei zeigen aktuelle Entwicklungen, wie zum Beispiel eine zu beobachtende zunehmende Pathologisierung normabweichenden Verhaltens und erschwerter Lernentwicklungen, dass es aktuell wichtig ist, dieses pädagogische Selbstverständnis des Fachs Sonderpädagogik herauszuarbeiten und zu stärken. Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen müssen sich hier selbstbewusst und offensiv einbringen, um Teilhabe und Partizipation an Bildung für alle Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu ermöglichen.

Perspektiven zur Weiterarbeit

Obgleich bereits Handlungsstrategien entwickelt werden konnten, wurde die Diskussion an diesem Tag nicht umfassend zu Ende geführt. Deshalb wurde beschlossen, ein weiteres Quo-vadis-Gespräch zum Thema Diagnostik mit dem gleichen Teilnehmerkreis noch in diesem Jahr durchzuführen. Nach diesem zweiten Gespräch soll ein aktualisiertes Papier zu Standards sonderpädagogischer Diagnostik des vds fertiggestellt sein, um anschließend in den Verbandsgremien diskutiert zu werden. Einzelne Teilnehmer des Fachgesprächs konnten gewonnen werden, bereits eine redaktionelle Vorarbeit auf Basis der bisherigen Gespräche zu leisten.

David Scheer

Teilnehmende des Fachgesprächs Quo Vadis

---

[1] Zu finden hier: upload/pdf/Leitlinien/130110_Leitlinien_dt.-engl._korrigiert.pdf

zurück