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Editorial
Liebe Leserinnen und Leser, wie gelingt es, individuelle Förderung fachlich fundiert, lernwirksam und ressourcenbewusst zu gestalten, und zwar ohne dass diese im Spannungsfeld von Vorgaben und knappen zeitlichen Ressourcen an fachlicher Tiefe oder Wirksamkeit verliert? Diese Frage bildet durchaus die inhaltliche Klammer dieses Hefts.
Sonderpädagogische Professionalität bedeutet komplexe Lern- und Entwicklungsprozesse zu verstehen und insbesondere (sonder)pädagogische Entscheidungen auf der Basis aktueller theoretischer und empirischer Erkenntnis zu treffen. Zugleich stehen Lehrkräfte in Schulen unter dem Druck, Förderung zu dokumentieren, administrativ vorgegebene Verfahren einzuhalten und Fördermaßnahmen zu begründen. Die Beiträge dieses Hefts greifen diese Herausforderungen aus unterschiedlichen Perspektiven auf. So verdeutlicht der erste Beitrag zum Fremdsprachenerwerb bei Schülerinnen und Schülern mit Sprachentwicklungsstörungen, Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten oder Beeinträchtigungen der exekutiven Funktionen, wie vielschichtig Lernbarrieren sein können – und wie notwendig es ist, neurokognitive, emotionale und didaktische Aspekte zusammenzudenken. Er verweist damit exemplarisch auf eine sonderpädagogische Kernkompetenz: Lernprozesse nicht monokausal zu erklären, sondern ihre Bedingungen differenziert zu analysieren und daraus begründet didaktische Interventionen abzuleiten.
Einen anderen, strukturellen Zugang wählt die empirische Studie zur Förderplanpraxis in Nordrhein-Westfalen. Sie zeigt, dass Förderpläne zwar flächendeckend erstellt werden, ihre Funktion jedoch zwischen fachlich-inhaltlicher Steuerung von Förderung und strategischer Ressourcensicherung variiert. Die Ergebnisse werfen damit grundlegende Fragen nach der Rolle von Förderplanung im (inklusiven) Schulsystem auf.
Ergänzt wird dieses Heft durch die Berichte zur Hauptversammlung des vds im November 2025. Sie dokumentieren nicht nur Beschlüsse und personelle Entscheidungen, sondern spiegeln auch die fachlichen Debatten wider, die das Arbeitsfeld sonderpädagogischer Fachkräfte und damit das Aufgabenspektrum des vds aktuell prägen. In einer Zeit, in der unsere sonderpädagogische Expertise gesellschaftlich stark nachgefragt ist, zugleich aber strukturell und aufgrund knapper Ressourcen herausgefordert ist, kommt dem fachlichen Austausch und der verbandlichen Positionierung besondere Bedeutung zu.
In diesem Sinne danken wir allen ehrenamtlich aktiven Mitgliedern, die ihre Zeit und ihre fachlichen Kompetenzen einbringen, ebenso wie denjenigen Mitgliedern, die mit ihrer Mitgliedschaft für eine breite Basis sorgen und damit dazu beitragen, dass wir als Fachverband in der Bildungspolitik gehört werden.
Conny Melzer
Buchbesprechungen
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